Esoteric Ebb ist ein „Narrative-Driven-RPG“, das mich ziemlich umgehauen hat! Warum? Das erfahrt ihr im Test – mit Meinungskasten von Sascha! Video-Interviews mit Entwickler Christoffer Bodegård und meine erste Spielerfahrung auf digitalem Zelluloid findet ihr unter dem Test.

| Titel: | Esoteric Ebb |
| Erscheinungsdatum: | 03.03.2026 |
| Plattformen: | Windows, Steam Deck |
| Entwickler / Herausgeber: | Christoffer Bodegård / Raw Fury |
| Homepage: | https://esotericebb.com/ |
Esoteric Ebb stellt mich vor eine Schwierigkeit: Ich möchte es euch schmackhaft machen und dabei fast nichts über das Spiel selbst verraten- das sollt ihr nämlich selbst erleben! (Und darum gibt es auch nur wenige Screenshots.) Der Entwickler Christoffer Bodegård ordnet Esoteric Ebb dem Genre „Disco-Like“ zu. Ja, dem Erzählspiel um einen dem Glase zugeneigten Detektiv, das leider noch auf meinem Pile of Shame schlummert. Es ist damit auch das erste „Disco-Like“. Klar, Disco Elysium ist neben Planescape: Torment und Dungeons & Dragons, das gewissermaßen als spielmechanischer Unterbau dient, die Inspiration. Spiele schreiben hat Bodegård sogar studiert. Er kam spät, dafür umso intensiver, zu D&D, auch als Meister. Esoteric Ebb ist praktisch ein grafisch und akustisch aufbereitetes Choose-Your-Own-Adventure-Buch. Oder eine Solospielrunde mit dem Entwickler als Spielleiter.
Einstieg und Hintergrund

Ihr spielt Ragn Hemlin, einen Kleriker in Diensten der Stadt Norvik. Ähnlich wie in Planescape: Torment wacht ihr auf einem Steintisch auf und wisst erstmal nichts. Schnell findet ihr heraus, dass ihr eigentlich ertrunken seid, aber offenbar wiederbelebt wurdet. Doch was genau dahintersteckt bleibt zunächst im Verborgenen. Das gesamte Geschehen spielt sich den verschiedenen Stellen Stadtteilen Norviks ab, einschließlich der City Below und den Dungeons.
Norvik durchlebt wilde Zeiten, denn in fünf Tagen stehen die Wahlen an. Die wichtigsten Parteien (durchaus auch als Echtweltreferenz zu verstehen) sind die Nationalisten, Kapitalisten und Linke. Wenn ihr möchtet, könnt ihr auch politische Farbe bekennen. Die Stimmung ist explosiv, befindet sich Norvik doch 28 Jahre nach einem verheerenden Krieg in einer Zeit des Wandels. Zudem ist die Stadt ein Schmelztiegel verschiedenster Rassen, dominiert von den Menschen. Diese glauben mehrheitlich an einen toten Gott namens Urth – und als Kleriker dient ihr in der „Urthguard“.

Die Stimmung ist so explosiv, dass ein Tea Shop (in Deutschland wäre das ein Café) in die Luft fliegt. Warum? Unklar. Interessierte Parteien? Viele. Die verrate ich euch hier aber nicht. Das ist eure Hauptaufgabe, eure Main Quest: Wer hat den Tea Shop in die Luft gejagt und warum? Oder wollt ihr das Ganze vielleicht vertuschen helfen? Allerdings gibt es auch eine Reihe an Side-Quests, die sich oft, aber nicht immer, um die politischen Ereignisse in Norvik drehen. Dabei lernt ihr allerhand interessante Charaktere kennen und findet auch Begleiter. Der ein oder andere Flirt ist auch möglich. Gespräche führt ihr aber nicht nur mit euren NPCs – auch eure Attribute melden sich ständig zu Wort. Was sie euch verraten, hängt auch davon ab, ob der Würfelwurf gelingt oder nicht, die DC (difficulty class) mit einem W20, wobei der Würfelwurf auch modifiziert werden kann.
Mehr möchte und werde ich euch an dieser Stelle nicht verraten, denn mehr Informationen hätten meinem Erstkontakt mit Esoteric Ebb und seiner Spielwelt sicher etwas Zauber genommen. Die Spielwelt mit all ihrer Geschichte hat Bodegård übrigens schon Jahre vor dem Entwicklungsstart von Esoteric Ebb entworfen und immer weiter ausgebaut. Dieser reiche Fundus an Hintergrundmaterial sprudelt auch ins Spiel und lässt die Welt sehr glaubhaft erscheinen, obwohl sie doch erkennbar auch auf Analogien und Referenzen zu unserer Welt setzt. Mehr dazu im Fazit.
Spielmechanik

Esoteric Ebb setzt auf eine Art Dungeons-&-Dragons-Unterbau. Zu Spielbeginn könnt ihr eure Attribute verteilen. Ich habe voll auf Stärke gesetzt, da ich einen Stat haben wollte, mit dem ich auch schwierige Aufgaben meistern kann. Eure Attribute reden auch mit euch, sind in eurem Kopf – das sorgt natürlich für einigen Wiederspielwert. Bei Levelaufstiegen (Erfahrung sammelt ihr vor allem in Dialogen), aber auch durch den Abschluss von Quests (gekämpft wird kaum), steigert ihr eure Attribute. Außerdem lassen sie sich mit Items buffen (oder auch debuffen!). Gewürfelt wird mit einem W20 gegen eine DC, eine difficulty class. Bei hohen Attributen bekommt ihr Boni, bei niedrigen Mali. Auch Items, zum Beispiel ein Hammer, können den Wurf modifizieren. Doch auch Dialoge und euer Verhalten können die DC erleichtern oder erschweren. Nicht bestandene Würfelproben führen aber regelmäßig nicht zum Weltuntergang. Selbst wenn ihr keine Lebenspunkte mehr habt, wird erstmal gegen den Tod gewürfelt. Im Notfall retten euch die Autosaves.

Zusätzliche Boni könnt ihr durch Quests erhalten. Meinem Eindruck nach vor allem über die politischen Quests. Dann reflektiert ihr nochmal und erhaltet einen Buff oder eine Auswahl zwischen verschiedenen Buffs. Das sind die sogenannten Feats. Einer dieser Feats heilt ihr euch beispielsweise ein wenig, wenn ihr euer Gegenüber nach deren Wahlverhalten befragt.
Schließlich gibt es, wie schon in The Séance of Blake Manor, eine Zeitmechanik. In fünf Tagen ist die Wahl. Bis dahin müsst ihr die Hauptquest erledigt haben. Der Zeitdruck ist aber deutlich moderater und weniger präsent als im irischen Krimi-Adventure. Schön ist, dass sich abhängig von der Uhrzeit die Personen an unterschiedlichen Orten aufhalten, Geschäfte oder Tavernen offen haben oder eben auch nicht. Ich mag Spiele mit Zeitkomponente sehr, da sie meinen Entscheidungen mehr Tragweite verleihen und die Immersion erhöhen (berühmtes und recht bekanntes „Negativbeispiel“ dürfte Fallout 4 sein).
Insgesamt sind Mechaniken da. Sie geben den Rahmen vor. Sie haben natürlich auch Einfluss auf die Geschehnisse. Gelingt ein Flirt? Könnt ihr eine Tür aufbrechen? Oft gibt es übrigens auch mehrere Wege zum Ziel. Die Mechaniken gehören dazu und sind auch sehr gut und kompetent implementiert. Star des Spiels ist trotzdem das Writing.
Fazit

Es würde mich nicht wundern, wenn sich Esoteric Ebb am Jahresende in vielen Top-10-Listen wiederfindet, auch wenn es früh im Jahr erschienen ist. Man kann von Steam Reviews halten, was man möchte, aber ein Gespür für Indie-Gems ist durchaus vorhanden. Mehr als 4.400 Reviews führen zur Bewertung „Overwhelmingly Positive“ (Stand 01.04.2026). Auch bei unserem Steam-Kuratoren-Account wird der Daumen nach oben zeigen. Und zwar alleine schon wegen des herausragenden Writings. Christoffer Bodegård schafft einen unglaublichen Spagat, den man als Zuschauer von heutigen Streaming-TV-Shows oder doomscrollender Social-Media-Addict vermutlich ins Reich der Fabeln verweisen würde. Nämlich den Spagat zwischen einem tollen, fantastischen Setting, das gleichzeitig immer wieder sehr subtil für den Leser, sorry, Spieler, oder besser: Erlebenden (?), einen Bezug zur realen Welt herzustellen. Von spießigem Formalismus zu maskulinem Gehabe. Und ja, ich habe voll auf männliche Stärke geskillt. Mein Spielerlebnis hätte sich mit einem anderen Skillset sicher unterschieden. Und was eigentlich noch unglaublicher ist: Mir als Spieler stehen regelmäßig zwei Wege offen: Möchte ich, in meinem Skill-Fall, die Kommentare meines Stärke-Ichs als ironisierende Kritik oder als Bestätigung verstehen? Bodegård zeigt, er belehrt nicht. Ihr müsst The Esoteric Ebb also alleine schon wegen des herausragenden Writings spielen (Englischkenntnisse vorausgesetzt, denn eine deutsche Version gibt es nicht). Zumindest, wenn ihr keine Allergie gegen leselastige Spiele habt. Wie tief ich im Spiel versunken war, zeigte sich auch, als ich das Spiel in der Artikelüberschrift zunächst „THE Esoteric Ebb“ taufte. Schließlich verkaufte ich mich im Spiel ja als THE Cleric.
Esoteric Ebb eignet sich nicht für kurze Spielsessions, ist für mich aber auch kein Spiel zum Durchsuchten. Ein bis zwei Stunden pro Session passen für mich sehr gut. Schließlich möchte ich, dass sich das Erlebte auch setzt. Und es ist ein Spiel, das zum Nachdenken animiert.

Eine kleine Manöverkritik übe ich aber auch: Die Würfelwürfe hätte ich gerne optional etwas haptischer erlebt. Die fehlende Vertonung stört mich bei der Menge an Text nicht. So komme ich gut in meinem eigenen Tempo voran. Und letztlich finden viele der Dialoge ja auch nur in eurem Kopf statt. Doch nun zurück zum Lobgesang. Intelligent gebrochen wird auch die vierte Wand. Sei es, als ich mich zu früh zu tief ins Dungeon wagte und kläglich starb. Da gab es von Christoffer einen Hinweis im Hauptmenü (!), dass das Dungeon eigentlich erst für höhere Level gedacht ist. Sei es bei der Auswahl des gespeicherten Spielstands, bei dem mir der Entwickler eine Zusammenfassung der Geschehnisse präsentiert. Schön sind auch die D&D-Referenzen So diskutiere ich beispielsweise mit einem Charakter über Alignments – ihr wisst schon, „Rechtschaffen Gut“, „Chaotisch Böse“ und so weiter.
Aber auch, wenn ihr mit D&D gar nichts anfangen könnt, schadet es nicht. Der Tischrollenspiel-Ansatz bietet gewissermaßen nur den regeltechnischen Rahmen für das Spielerlebnis. Das übrigens zusätzlich noch von der märchenhaften Grafik und der dezent, dafür aber prägnant eingesetzten Sounduntermalung profitiert. The Esoteric Ebb ist ein Must-Play-Titel aus dem Jahr 2026 und steigert ganz nebenbei meine Lust auf Disco Elysium!
Und was sagt TheLastToKnow dazu?

Anfang der 2000er gehörten Pen-and-Paper-Runden und Computerrollenspiele noch zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Eins meiner Lieblings-RPGs dieser Zeit war Planescape: Torment – hauptsächlich, weil mich damals das Writing so überzeugt und in die Welt gezogen hat. (Randnotiz: Die Spielepackung mit dem als „Namenlosen“ hergerichteten Guido Henkel, Produzent des Spiels, habe ich erst neulich voller nostalgischer Erinnerungen in meinen Spieleschrank eingeräumt). Nun bin ich aber wahrlich kein geduldiger Leser – geschwätzige Spiele haben es bei mir besonders schwer. Meine Abneigung gegen Langweilige-Textmassen-Wegklick-Spiele, auch Visual Novels genannt, teile ich ja gerne ungefragt immer wieder allen Menschen mit, die ich so treffe. Planescape ist eins der wenigen Spiele, denen ich die unfassbar langen Lesepassagen verzeihe – einfach weil sie so gut geschrieben sind. Ein weiteres war Disco Elysium, was ebenfalls aufgrund seines grandiosen Writings einen sehr hohen Stand bei mir hat.
Als ich Esoteric Ebb auf meinem Steam Deck (wo es übrigens vorbildlich gut läuft) gestartet hatte, war ich noch skeptisch. Disco-Like? Soll das etwa eine Vorab-Entschuldigung für riesige, möglicherweise sogar noch uninteressante Textwüsten sein? Nach zig Stunden im Spiel kann ich aber Entwarnung geben: Es gibt zwar wirklich viel zum Lesen und gute Englisch-Kenntnisse sind ein Muss – aber was es zum Lesen gibt, ist einfach wirklich toll geschrieben. Die Welt ist liebevoll und durchdacht gestaltet, die inneren Monologe und die Gespräche mit Charakteren interessant, witzig und/oder spannend. Und es gibt so viel zu entdecken! Glücklicherweise hat mir die sehr sanft integrierte Zeitmechanik hier nicht so die Laune verdorben wie bei The Séance of Blake Manor – ich fand sie sogar ganz interessant. So wird etwa die Suche nach einem Schlafplatz für die erste Nacht schon eine kleine Herausforderung, was viele lustige Situationen herbeirufen kann. Und ich fühlte mich keineswegs eingeschränkt, alles und jeden zu untersuchen und ausgiebige Gespräche zu führen – im Gegensatz zu meinem Besuch im Blake Manor werde ich hier sogar mit EXP belohnt, wenn ich über alles und mit jedem rede!
Ich stimme Vampiro also zu: Esoteric Ebb ist ein richtig gutes Spiel und ein heißer Kandidat für die Jahresabschluss-Bestenlisten!
