Earth Must Die

Es ist an der Zeit, die Erde zu vernichten! Zumindest wenn es nach VValak geht, dem größenwahnsinnigen Antihelden des Sci‑Fi‑Comedy‑Adventures Earth Must Die.

Mit Earth Must Die tauchen die britischen Entwickler Ben Ward und Dan Marshall unverhofft wieder auf meinem Spiele-Radar auf, nachdem ich sie in den letzten Jahren etwas aus den Augen verloren hatte. Die beiden mit dem Adventure Game Studio entwickelten Point-and-Click-Adventures Ben There, Dan That! (2008) sowie Time Gentleman, Please! (2009) sind mir in guter Erinnerung geblieben. Beim Nachfolger Lair of the Clockwork God (2020), das sich vom klassischen Adventure in Richtung Plattformer verabschiedete, trennten sich unsere Spiele-Wege allerdings. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden ihr Studio bereits von Zombie Cow Studios in Size Five Games umbenannt und sind diesem Namen bis heute treu geblieben.

Nach einigen Ausflügen in andere Genres steht nun eine überraschende Rückkehr ins Adventure‑Fach an. Die alten AGS‑Tage liegen lange zurück, und dementsprechend präsentiert sich ihr neues Spiel in einem völlig anderen Gewand. Was euch in Earth Must Die erwartet und ob es sich um ein „waschechtes“ Adventure handelt, verrate ich euch in diesem Artikel.

Größenwahn + Inkompetenz =

Die Geschichte spielt in einer nicht näher bestimmten Zukunft. Ihr schlüpft in die Rolle von VValak Lizardtongue, einem ebenso größenwahnsinnigen wie unfähigen Alien‑Herrscher, der nach dem Tod seines Vaters das tyrythianische Imperium erbt. Seine Inkompetenz führt jedoch schnell zum Machtverlust: Nach einer Reihe von Fehlentscheidungen haben die Terranoiden seinen Heimatplaneten überrannt und ihn zur politischen Marionette degradiert. Aus dieser Kränkung heraus reift in VValak der Plan, den Heimatplaneten der Terranoiden – die Erde – zu zerstören und seine Macht zurückzuerlangen. Dazu muss er mehrere episodenhafte Missionen absolvieren, etwa die Beschaffung einer Bombe, mit der die Erde in die Luft gesprengt werden soll.

Dabei wird er von seinem „Ammenroboter“ Milky begleitet, der ihn bereits seit dem Säuglingsalter umsorgt und damals (wie heute?) für seine Milchversorgung zuständig war. Im Spiel übernimmt Milky gleich zwei Rollen: Zum einen fungiert sie als Nachschlagewerk namens „Milkipedia“, zum anderen dient sie als praktischer „Handersatz“. VValak ist sich nämlich zu schade, selbst etwas anzufassen, und kommandiert Milky stattdessen herum, damit sie für ihn die ganze Drecksarbeit erledigt.

Die Designentscheidung, nichts aufnehmen oder benutzen zu können, schränkt die Rätselvielfalt spürbar ein. Ein klassisches Inventar gibt es nicht; stattdessen beseitigt ihr Hindernisse vor allem über Dialoge oder indem ihr Milky und andere Figuren herumkommandiert. Etwas störend fand ich, dass man an einigen Stellen gezwungen ist, in der – zugegeben witzig geschriebenen – Milkipedia nachzuschlagen, weil sich bestimmte Rätsel sonst nicht lösen lassen. Zudem haben mich einige Aufgaben zu Trial‑and‑Error verleitet, da das Spiel abseits der Milkipedia kaum Hinweise liefert. Besonderes Frustpotential bieten zudem die timingbasierten Puzzles, allen voran das Endrätsel. Die durch die Missionsstruktur vorgegebene örtliche Begrenzung eliminiert zum Glück lange Laufwege, was mir positiv aufgefallen ist.

Erstaunlich fand ich, wie sehr das Steam Deck unter der Last des Spiels ächzt. Vor allem die ungewöhnlich langen Ladezeiten beim Raumwechsel stechen negativ hervor. Mit der Gamepad‑Steuerung bin ich zudem bis zum Ende nicht richtig warm geworden. Ihr steuert VValak direkt mit dem linken Stick und ruft mit der rechten Schultertaste ein „Coin Menu“ à la The Curse of Monkey Island auf. Wollt ihr Milky auf einen Hotspot bewegen, müsst ihr die rechte Schultertaste gedrückt halten, den passenden Befehl auswählen und anschließend auf den Hotspot ziehen. Das ließe sich garantiert eleganter lösen. Mit Maus und Tastatur spielt es sich etwas angenehmer, doch warum sich VValak nur per WASD und nicht per Mausklick bewegen lässt, bleibt mir ein Rätsel.

Wackelige Schönheit

Neben der etwas hakeligen Steuerung und den langen Ladezeiten leidet das Spiel unter weiteren technischen Mängeln. An manchen Stellen zappelt VValak unkontrolliert durch die Hintergründe, besonders dann, wenn er nicht direkt von euch gesteuert wird und selbst seinen Weg finden muss. Auch das automatische Speichersystem, das nur einen einzigen Spielstand erlaubt, ist unglücklich gelöst und hat bei mir sogar dazu geführt, dass ich bestimmte Passagen erneut spielen musste (mehr dazu im Fazit).

Die Stärken von Earth Must Die liegen eindeutig an anderer Stelle. Besonders hervorzuheben ist die – nicht nur für ein Adventure – beeindruckend starke Comic‑Grafik, die die schräge Geschichte stilsicher einfängt und wirkt, als sei sie direkt einer TV‑Serie entsprungen. Die liebevoll ausgearbeiteten, herrlich witzig geschriebenen Alien‑ und Menschenfiguren bewegen sich flüssig durch die Kulissen und zeigen eine erstaunliche Bandbreite an Gestik und Mimik. Auch die Zwischensequenzen fügen sich nahtlos ein und unterstreichen die bissige Erzählung perfekt.

Mindestens genauso beeindruckend ist die englische Sprachausgabe, die von vorne bis hinten mit exzellenten Sprecherinnen und Sprechern besetzt ist – darunter in kleineren Rollen auch Alasdair Beckett‑King, den wir hier vor Kurzem interviewt haben. Allein die großartige Performance von Joel Fry, der VValak seine Stimme leiht, rechtfertigt ein „Reinhören“. Überzeugt euch am besten selbst im unten eingebundenen Trailer.

Aufgrund seines bösen Over‑the‑Top‑Humors richtet sich Earth Must Die eindeutig an eine erwachsene Zielgruppe, die weder vor der Darstellung von Sex und Gewalt zurückschreckt noch moralische Bauchschmerzen bekommt, wenn sie als egozentrisches, herablassendes Trottel‑Alien fiese bis ultraböse Dinge anstellt. Viele Szenen lassen sich zudem als satirischer Kommentar auf die aktuelle politische Weltlage lesen, in der ja auch gerne einmal egozentrische und herablassende Trottel die Erde terrorisieren.

Fazit

Eigentlich ist Earth Must Die weder besonders schwer noch besonders umfangreich – trotzdem habe ich rund elf bis zwölf Stunden damit verbracht, die Erde zu zerstören. Das lag zum einen daran, dass mir an einigen Stellen nicht sofort klar war, was als Nächstes zu tun ist. Ein Hilfesystem wäre hier sehr willkommen gewesen. Zum anderen musste ich zweimal ein Kapitel neu starten, weil technische Probleme auftraten. Vermutlich hing das mit dem automatischen Speichersystem zusammen, das nach dem Beenden und späteren Fortsetzen des Spiels offenbar Hotspots oder Dialogoptionen verschwinden ließ. Wenn ihr die Kapitel in einem Rutsch durchspielt, solltet ihr von solchen Problemen verschont bleiben – vorausgesetzt, die Entwickler haben das bis zum Release nicht ohnehin schon behoben.

Die abgefahrene Geschichte mit ihren schrägen Figuren, der bissige, politisch aufgeladene Humor und die über alle Zweifel erhabene Präsentation haben meinen Geschmack voll getroffen. Gleichzeitig trüben die hakelige Steuerung, kleinere technische Probleme samt restriktivem Speichersystem sowie das wenig abwechslungsreiche und stellenweise nervige Rätseldesign den Gesamteindruck. Dennoch ist Earth Must Die ein lohnenswertes Erlebnis – vorausgesetzt, ihr könnt etwas mit dem Humor anfangen und habt kein Problem damit, einen widerlichen Tyrannen zu verkörpern. Auf Steam ist Earth Must Die für unter 15 Euro erhältlich.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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5 Comments on “Earth Must Die”

  1. Das sieht ja sehr cool aus und liest sich auch gut. Habe ich richtig Lust jetzt drauf, fehlt nur noch die Zeit. Gibt es Rücksetzpunkte wenn man das timed puzzle nicht schafft?

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