Dreams in the Witch House

Der Beitrag “Spiele-Check: Dreams in the Witch House – Brillante Lovecraft-Adaption” erschien zuerst am 16.02.2023 auf GamersGlobal als User-Inhalt unter Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0 DE DEED.

Nach über sieben Jahren Entwicklungszeit erscheint mit Dreams in the Witch House das auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von H. P. Lovecraft basierende Erstlingswerk des finnischen Indie-Studios Atom Brain Games. Dahinter steckt der Filmemacher und Entwickler Antti Laakso, der bereits vor einigen Jahren durch seine Arbeit am mehrfach preisgekrönten Lovecraft-inspirierten Kurzfilm Sound from the Deep auf sich aufmerksam machen konnte. Seine Liebe für die Werke von Lovecraft (insbesondere für die titelgebende Geschichte) und die Hoffnung, in der Spiele-Branche größeren finanziellen Erfolg als in der Film-Branche erzielen zu können, setzten den Grundstein für das nun erschienene Endprodukt. Unterstützt wird er dabei von seinem Herausgeber Bonus Stage Publishing.

Is this the real life? Is this just fantasy?

In Dreams in the Witch House erlebt ihr die Geschichte aus der Perspektive des Studenten Walter Gilman, der zu Beginn des Spiels in ein kleines Dachgeschoss-Zimmer in Arkham zieht, um von dort aus sein Studium an der Miskatonic Universität aufzunehmen. Finanzielle Unterstützung erhält er von seiner Tante, die seine Bleibe bereits für Wochen im Voraus bezahlt hat und ihm wöchentlich eine Finanzspritze für seinen Lebensunterhalt zukommen lässt.

Zunächst verfolgt ihr in der Rolle von Walter also euer Studium und versucht, euch auf eure erste Prüfung vorzubereiten. Schon nach kurzer Zeit passieren allerdings die ersten seltsamen Dinge: So bekommt ihr etwa Besuch von einem seltsamen Rattenwesen, das sich durch ein großes Loch in der Wand eures Zimmers ungehindert Zutritt verschaffen kann. Dann fangen die Albträume an, die euch das Leben und vor allem die Konzentration auf euer Studium schwer machen. Jede Nacht scheinen die Träume schlimmer zu werden: Zuerst werdet ihr nur von Geräuschen oder einem violetten Leuchten geweckt, dann erscheint euch eine alte, bösartig wirkende Frau im Traum. Später entführt diese euch an aberwitzige Orte wie etwa eine futuristische außerirdische Stadt oder eine Hütte voller okkulter Gegenstände. Nach diesen Erlebnissen wacht ihr übermüdet in eurem Zimmer auf und seid euch nicht sicher, ob es Traum oder Realität war.

Adventure-Rollenspiel-Open-World-Hybrid?

Die stimmungsvolle Pixel-Grafik und die perfekt passende Soundkulisse mit Musikstücken von Troy Sterling Nies, der schon etliche Werke des Cthulhu-Mythos veredelt hat, erzeugen eine wundervoll unheimliche Grundstimmung. Die englischen Texte sind gut geschrieben, auf eine Übersetzung oder Vertonung müsst ihr allerdings (noch) verzichten. Obwohl der Unterbau ein klassisches Point-and-Click-Adventure ist, bleibt euch aufgrund der Rollenspiel-Elemente und der damit verbundenen Bedürfnisse von Walter Gilman aber kaum Zeit zum Durchatmen. Neben eurem Hunger müsst ihr auch eure Müdigkeit und euren allgemeinen Gesundheitszustand im Auge behalten. Wenn ihr beispielsweise ohne Mantel zu lange durch den Regen lauft oder euch an einem kalten Tag das Feuerholz in eurem Zimmer ausgegangen ist und ihr keine warme Unterwäsche besitzt, werdet ihr in Windeseile krank. Jede Woche bekommt ihr zwar von eurer Tante ein paar Dollar – ihr müsst aber gut abwägen, für was ihr euer Geld ausgebt und wie ihr euch vielleicht noch etwas hinzuverdient.

Was ihr aus eurem Tag (oder eurer Nacht) macht, liegt bei euch: Zur Uni gehen und eure Examenswerte hochleveln, um dadurch bessere Noten und eine höhere finanzielle Belohnung eurer Tante zu bekommen? Das Rattenloch in eurem Zimmer zunageln? Eure Nachbarn treffen und vielleicht mehr über euer neues Zuhause erfahren? Okkulte Werke aus der Uni ausleihen und somit euren Okkultismus-Wert verbessern? Die Geheimnisse erkunden, die in Arkham auf euch warten? Es liegt bei euch, wie ihr eure Zeit bis zum Finale in der Walpurgisnacht verbringt.

Wie soll das alles noch enden?

Durch die oben beschriebenen Freiheiten könnt ihr nicht nur eure Geschichte selbst bestimmen, auch das Ende wird auf euch individuell zugeschnitten. Dabei kommt es etwa darauf an, ob ihr hinter die Geheimnisse des Hexenhauses gekommen seid und ob ihr euch auf die anstehende Walpurgisnacht ausreichend vorbereitet habt. Bei meinem ersten Durchlauf bin ich recht blauäugig durch das Spiel gelaufen und habe das Übernatürliche nur am Rande beachtet. Ich war zwar ein guter Student, aber als ich bemerkt habe, in welcher Gefahr ich steckte, war es eigentlich schon zu spät, um das Ruder noch rumreißen zu können.

Beim nächsten Durchlauf hatte ich mich gut an den Gameplay-Loop gewöhnt und bin frühzeitig allen Hinweisen gefolgt, so dass ich viel mehr herausfinden konnte und schlussendlich auch zum bestmöglichen Ende kommen konnte. Die Wiederspielbarkeit ist auf jeden Fall gegeben, auch aufgrund der drei möglichen Schwierigkeitsgrade, die ihr zu Beginn einstellen könnt, inklusive einem Iron-Man-Modus, der kein manuelles Speichern erlaubt.

Fazit

Dreams in the Witch House hat mich lange fasziniert und ich konnte es wie ein gutes Buch nicht weglegen, bis ich zumindest den Großteil der Mysterien aufklären konnte. Wenn ihr Indie-Games zu schätzen wisst und auch nur einen Funken Interesse an Lovecraft-Geschichten habt, dann möchte ich euch dieses kleine Juwel wärmstens ans Herz legen.

Eine deutsche Übersetzung ist noch nicht geplant, aber liegt laut Entwickler durchaus im Bereich des Möglichen. Für alle Steam-Deck-Besitzer: Es läuft problemlos und lässt sich mit minimalen Einschränkungen sehr gut spielen.

  • Cthulhu-Adventure-Rollenspiel-Hybrid für PC
  • Einzelspieler
  • Für Einsteiger bis Profis
  • Preis: 10,99 Euro
  • In einem Satz: Herausragende Umsetzung der Lovecraft-Kurzgeschichte, die wohliges Unwohlsein auslöst
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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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