Dispatch

In Dispatch erwartet euch eine perfekt produzierte Superhelden-Sitcom zum Mitspielen, erstellt von ehemaligen Mitarbeitern von Telltale Games.

Als Dispatch, das Erstlingswerk des kalifonischen Entwicklers AdHoc Studio, das erste Mal auf meinem Radar erschien, hatte ich dafür nur einen verächtlichen Blick übrig. Superhelden? Nicht mein Ding, abgestempelt als „interessiert mich nicht“. Zu unrecht, wie ich feststellen musste, denn hinter AdHoc stecken Branchen-Veteranen, die zu ihrer Zeit bei Telltale Games einige meiner Lieblings-Adventures geschrieben haben: The Walking Dead, The Wolf Among Us, und Tales from the Borderlands. Mein Interesse war wieder geweckt.

Dispatch wurde in guter alter Telltale-Tradition in kleinen Häppchen veröffentlicht. Mittlerweile sind alle acht Folgen erschienen. Doch wieviel „Gameplay“ steckt eigentlich in diesem Adventure – und können wir hier überhaupt von einem Adventure sprechen? Hier ist unsere Einordnung.

Mecha Man macht Mucken

Wir befinden uns in einer fiktionalen Version von Los Angeles (übrigens auch der Heimat von AdHoc), in der Superkräfte zum Alltag gehören – und somit auch Superhelden und Superschurken. Robert Robertson III besitzt zwar keine Superkräfte, aber als Erbe des legendären Mecha-Man-Kampfanzugs kann er sich dennoch dem Kampf gegen das Böse widmen (Iron Man und Batman lassen grüßen). Dieser endet allerdings abrupt, als sein Mech-Anzug eines Tages in einer Auseinandersetzung mit dem Superschurken Shroud und seiner Gang zerstört wird. An eine Reparatur ist nicht zu denken, denn zum einen hat Robertson sein Familienvermögen so gut wie aufgebraucht, zum anderen ist die extrem seltene und für den Anzug existentielle Energiequelle, der „Astra Pulse“, beim Crash verloren gegangen.

Auf dem Tiefpunkt angekommen, trifft Robertson auf die Superheldin Blonde Blazer, die zeitgleich auch als Filialleiterin vom „Superhero Dispatch Network“ (SDN) im Stadtteil Torrance tätig ist. Diese erkennt das Potential von Robertson und bietet ihm einen Deal an: Er soll als „Dispatcher“ in der SDN-Filiale arbeiten, während die Techniker versuchen, seinen Mecha-Man-Anzug wieder einsatzfähig zu bekommen.

So landet Robertson unverhofft in einem Großraumbüro in Torrance und ist fortan für das „Z-Team“ zuständig, einem Haufen zusammengewürfelter, ehemaliger Superschurken, die sich zum Superhelden umschulen lassen (quasi). Ab hier geht die Geschichte dann erst richtig los und spinnt sich über acht Episoden bis zu einem großen Finale mit allerlei Explosionen – wie wir es von einer Superhelden-Geschichte erwarten. Bis dahin werden aber auch die leisen Töne angeschlagen und viel Wert auf Atmosphäre und Charakterentwicklung gelegt. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, der sich größtenteils durch die Gespräche mit den phantasievoll geschriebenen Figuren ergibt.

Alles hört auf mein Kommando

Als Disponent für das SDN müsst ihr Notrufe entgegennehmen und entscheiden, welchen (oder welche) Superhelden ihr aus eurem Team losschickt, um das Problem zu beheben. Dies erledigt ihr bequem von eurem PC aus, der euch auf einer Übersichtskarte von Torrance die Einsätze sowie die Standorte eurer Helden zeigt. Diese haben ihre ganz eigenen Stärken und Schwächen: Manche sind eher für das Grobe zu gebrauchen, andere sind besonders charismatisch oder einfach unglaublich schnell. Welche der Attribute bei dem jeweiligen Einsatz gebraucht werden, könnt ihr meistens anhand der Notruf-Beschreibung erahnen. (Dass der Umgang mit ehemaligen Superschurken kein Spaziergang ist, wird euch spätestens dann bewusst, wenn diese ihren eigenen Kopf durchsetzen wollen.)

Hier und da sind bestimmte Helden auch einmal besonders geeignet für einen Einsatz – diese Feinheiten lernt ihr im Laufe des Spiels kennen. Darüber hinaus kann es während der Einsätze auch zur Rückfragen kommen, in denen ihr entscheiden sollt, wie sich eure Teammitglieder verhalten sollen, ansonsten laufen die Missionen meist ohne eure Beteiligung ab. Am Ende bekommt ihr dann das Ergebnis präsentiert: Habt ihr die Charaktere mit den richtigen Eigenschaften an den Einsatzort geschickt (oder einfach Glück gehabt), dann gilt der Einsatz als gewonnen und eure Helden bekommen Erfahrungspunkte, mit denen sie später ihre Attribute verbessern können. Falls die Mission fehlschlägt, kann dies beispielsweise Verletzungen mit sich bringen und führt zu einer Verschlechterung eurer Tagesbilanz. Denn am Ende eures Arbeitstags werdet ihr anhand der erfolgreichen Einsätze beurteilt, was euch Beförderungen und damit verbundene Belohnungen in Form von Verbrauchsgegenständen für eure nächste Schicht einbringen kann.

Ein wenig Abwechslung während eures Dispatch-Arbeitstags bringen die „Hacking“-Missionen mit sich, in denen ihr selbst auch einmal (virtuell) aktiv werden dürft. In einer Art Logik-Minispiel steuert ihr einen zwölfseitigen Würfel durch ein stilisiertes Netzwerk und müsst euch bis zum Ziel „durchhacken“. Das „Hacken“ besteht am Anfang größtenteils aus der Eingabe von den richtigen Tastenkombinationen (bestehend aus den Richtungstasten), die euch im „Netzwerk“ angezeigt werden, wird später aber noch etwas komplexer.

Das klingt alles nicht wirklich nach einem Adventure, sondern eher nach einer Berufssimulation (das Szenario erinnert ein wenig an das in Vergessenheit geratene Mobilspiel Middle Manager of Justice von Double Fine aus dem Jahr 2012). Dieser Teil von Dispatch kann aber durchaus Spaß machen, und die eine oder andere Feinheit und/oder Überraschung, die hier nicht beschrieben wurde, gibt es noch zu entdecken. Richtig komplex wird das Gameplay aber nie, und „richtig“ scheitern (im Sinne eines Game Overs) könnt ihr hier auch nicht.

Cartoon-Serie zum Mitspielen

Das Disponieren mag vielleicht der Kern von Dispatch sein, aber drumherum befindet sich eine ganz andere Art von Spiel. Wobei Spiel vielleicht ein wenig hochgegriffen ist, man könnte es auch als perfekt produzierte und wirklich gut geschriebene Cartoon-Superhelden-Serie für Erwachsene (die Altersfreigabe ist nicht umsonst ab 18 Jahren) bezeichnen, die ab und zu von Quick-Time-Events und Multiple-Choice-Dialogen unterbrochen wird. Das sind noch die Überbleibsel aus alten Telltale-Zeiten, die für mich die wohlwollende Einordnung als „Adventure“ rechtfertigen, auch wenn ihr so etwas wie Rätsel in Dispatch nicht erwarten dürft. Es heißt eher: Zurücklehnen und die Geschichte genießen, sowie durch eure Entscheidungen vielleicht auch ein wenig mitgestalten.

An manchen Stellen verzweigt die Erzählung, und das typische „Charakter XY wird sich das merken“ möchte euch immer noch verdeutlichen, wie wichtig eure Entscheidungen sind – am Ende läuft es aber selbstverständlich immer auf das „Gleiche in grün“ hinaus. Aber das ist ja kein Geheimnis und das kreide ich dem Spiel nicht an.

In Sachen Präsentation trumpft Dispatch groß auf: Die vorgerenderten Spielszenen und die brillanten Synchronsprecher (mit Aaron Paul aus Breaking Bad als Protagonist) lassen keinen Unterschied zu großen Serien-Produktionen erkennen. Das Spiel hätte auch problemlos als Streaming-Serie funktioniert und dabei garantiert ein großes Publikum begeistert. Sogar ich, als Superhelden-Muffel, habe mich dabei ertappt, die letzten beiden Episoden sofort nach Erscheinen herunterzuladen und in einem Rutsch durchzuspielen, obwohl ich während der ersten beiden Episoden noch dabei war, meine Vorurteile abzulegen.

Fazit

Das war eine willkommene Überraschung! Spätestens nach der zweiten Episode war ich von Dispatch überzeugt und hatte großen Spaß mit der Cartoon-Serie zum Mitspielen. Jede der acht Episoden dauert etwa eine Stunde, so dass ihr nach ungefähr acht Stunden mit der ganzen Staffel durch sein solltet. Danach könnt ihr natürlich noch ausprobieren, was passiert, wenn ihr andere Entscheidungen trefft. Leider ist das etwas mühsam, da sich einzelne Szenen nicht bis zur nächsten Wahlmöglichkeit überspringen lassen.

Sehr erfreulich fand ich, dass AdHoc bereits 10 Tage nach der Veröffentlichung der ersten beiden Episoden vermelden konnte, über eine Million Exemplare von Dispatch verkauft zu haben. Das positive Feedback der Spieler ist ungewöhnlich hoch, manche mögen es sogar Hype nennen. Vielleicht hat AdHoc hier sogar eine Formel gefunden, solche Spiele mit Adventure-Anteil wieder ins öffentliche Bewusstsein zu bringen und damit erfolgreich zu sein.

Zugegeben, spielerisch steckt nicht viel drin in Dispatch. Sogar noch weniger als in den geistigen Vorgängern à la The Wolf Among Us. Aber das hat mich überhaupt nicht gestört – einfach weil mich die Inszenierung und die Geschichte nach anfänglichem Zweifeln komplett abgeholt hat. Das Thema „Superhelden / Superschurken“ steht zwar immer im Mittelpunkt, aber in vielen Situationen erinnert Dispatch auch an „Workplace Comedies“ wie The Office. Außerdem mochte ich als alter Telltale Fan die Multiple-Choice-Gespräche und die damit verbundenen (teils fiesen) Entscheidungen sehr – und auch dem „Dispatchen“ sowie den (relativ selten eingesetzten) Quick-Time-Events konnte ich etwas abgewinnen.

Ich bin auf jeden Fall sehr froh, Dispatch eine Chance gegeben zu haben und über meinen Schatten gesprungen zu sein. Bei einer zweiten Staffel wäre ich sofort mit dabei! Das Team arbeitet wohl auch parallel für Telltale Games, die ja mittlerweile als Publisher wiederauferstanden sind, am Nachfolger von The Wolf Among Us, auch da bin ich gespannt.

Wenn ihr selbst Lust auf Dispatch bekommen habt, findet ihr die gesamte Staffel ab sofort auf Steam und im PlayStation-Store für knapp unter 30 Euro (PC) bzw. 35 Euro (PS5). Wer noch digitale Comics und Artbooks dazu haben möchte, muss noch einen Zehner drauflegen. Die Version für Xbox Series X|S soll laut Entwickler zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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9 Comments on “Dispatch”

  1. Da kommt der Schwabe in mir durch. So gut das klingt, ist mir ein Durchklick-Spiel doch nur 10 Euro wert. Wobei mir die Serie Invincible sehr gut gefällt und das hier scheint in eine ähnliche Richtung zu gehen?

  2. Habe es gestern auch durchgespielt. Die ersten sieben Episoden fand ich wirklich stark – obwohl das Pacing so bei einer typischen TV-Serie nicht funktioniert hätte. Da muss für die nächste Staffel definitiv noch etwas von Invincible abgeschaut werden, das einfach ausgeglichenere Episoden hinbekommt. Gerade tonal und was die Konzeptgrafiken angeht, merkt man sehr, dass das Spiel eher von The Boys beeinflusst ist als von Invincible. Das ist schade, weil Invincible für mich viel besser zeigt, wie eine moderne Superheldenserie sein kann: Es stellt das normale Leben und das Heldendasein viel verständlicher und weniger fatalistisch dar als das extrem pessimistische The Boys.

    Trotzdem hatte ich mit den ersten Folgen richtig Spaß – vor allem die Episoden 5 und 6 mit dem Teambuilding waren echte Highlights. Leider fällt für mich in Episode 8 doch einiges auseinander. Dass man den Sieg für [zensiert] einfach hergibt, ist völlig unverständlich. Und ich hasse diese eine Internetseite, die solche Sachen verfolgt und man keinen Jello Moment bekommt – olle Schneeflocken von heute. Auch andere Entscheidungen ergaben wenig Sinn: Natürlich taucht der rausgeworfene Charakter wieder auf, weil offenbar niemand mal nachschaut, was der Ex-Verbrecher nach seinem Rauswurf eigentlich macht. Die Sache mit den Fesseln, wenn man sie nicht entfernt, ist auch ein absoluter WTF-Moment. Außerdem bekommt man quasi kein Feedback dazu, wie es [zensiert] wirklich geht – selbst wenn man im realistischen Playthrough alles für [zensiert] tut, passiert am Ende doch wieder das Gleiche. Hier hätte ich mir viel mehr Rückmeldung gewünscht.

    Was auch fehlt: Nach dem Durchspielen kann man nicht mal einen neuen Save starten oder zumindest als Extra-Feature die verschiedenen Abzweigungen sehen und gezielt freischalten – das gehört für mich einfach zu einem interaktiven Film dazu. (siehe zB wie die Japaner es tun oder Detroid: Become Human)

    Trotz allem Gemecker: Das Spiel macht Spaß, ist aber mit 35 € schon eher im oberen Preisbereich für solche Produktionen. 20 € wäre für mich hier die ideale Preisschwelle. Positiv bleibt, dass sie mit der entwickelten Technik jetzt hoffentlich relativ schnell und kostengünstig neue Staffeln nachlegen können. Denn Potential haben sie!

    1. Hmm, vielleicht sollte ich doch einmal Invincible anschauen? Von The Boys kenne ich nur die ersten paar Folgen, das hat mir überhaupt nicht gefallen.
      Du bist nicht der erste, der mir schreibt, dass er vom Staffelfinale enttäuscht wäre. Ich fand es okay, hatte sowieso nicht den Anspruch, dass alles logisch sein müsste und habe mich nur berieseln lassen.
      Einen erneuten Durchgang habe ich nicht geplant, aber da würde es mich wie im Artikel erwähnt auch nerven, die Szenen nicht abkürzen zu können.
      Bei deinem Fazit gehe ich mit: Gerne weitere Spiele / Staffeln von diesem Studio! Und sehr gerne auch The Wolf Among Us 2. 🙂

  3. Ich hab Dispatch gerade innerhalb von 2 Tagen durchgespielt – und bin auch sehr begeistert 🙂

    Die Quicktime-Events habe ich abgeschaltet, weil mich sowas extrem nervt. Gefehlt hat mir dadurch nichts. Das Dispatchen hat Spaß gemacht, hätte ich gerne (optional) auch noch etwas länger gemacht, obwohl am Schluss alle Helden schon auf Levelmax waren. Das Hacken fand ich langweilig, wenn man das (optional) abschalten könnte, hätte ich das wohl getan.

    Die Story fand ich gut, aber das Highlight sind wirklich die Charaktere selbst. Alle comichaft etwas überzeichnet, aber irgendwie sehr liebenswürdig und die Dialoge sind genau auf den Punkt (ich hab die englische Version gespielt). Eine Netflix-Serie würde ich definitv wegbingen! Und das Dispatcher-Game als Standalone, mit echtem Heldenmanagement, würde ich auch kaufen.

    1. Ja, das Hacking Minigame empfand ich auch eher als mehh und wäre echt glücklich gewesen, wenn man das auch abschalten könnte. Wenn es wenigsten öfter fordernd gewesen wäre, aber meist ists einfach nur lästig, obwohl man weiß, was man machen muss.

      Die Charaktere mag ich auch alle, außer halt Coupe und auch Sonar. Coupe gefällt mir so absolut nicht, die ist mir so suspekt wie Agent 47. Aber während 47 als Antiheld funktioniert, will Coupe für mich so gar nicht funktionieren. Coupe ist mir dagegen nur im Teil, wo man ihn feuert wirklich schlecht aufgefallen. Der Sprecher macht da zB seinen Job wirklich gruselig schlecht und das Ende macht bei ihm noch viel weniger Sinn.

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