The good, …
Die große Stärke von Simon 3D ist der Humor. Die Geschichte dient hauptsächlich dazu, diesen zu transportieren, und setzt da an, wo Simon 2 aufgehört hat. Somit wird auch der Cliffhanger aufgelöst: Sordid setzt seine Schandtaten in einer für ihn konstruierten Cyborg-Hülle fort, während Simons Körper und Seele durch ein Ritual wieder vereint werden. Jetzt ist es eure Aufgabe, wie soll es auch anders sein, die dunklen Pläne von Sordid zu durchkreuzen. Bei eurer Erkundung der 3D-Welt trefft ihr neben neuen Charakteren wie „Melissa Leg“, einer schweigsamen Kriegerin und euer neuester Schwarm, auch alte Bekannte wie Magier Calypso, die Holzwürmer und den Sumpfling wieder. Nach vielen Irrungen und Wirrungen könnt ihr schließlich in Sordids Festung eindringen und das absurde Finale des Spiels absolvieren, das wiederum in einem Cliffhanger mündet.
Die Dialoge sind in typischer Simon-Manier frech und größtenteils lustig, wenn ihr diesen britischen, leicht infantilen Humor mögt. Die Macher schrecken auch nicht davor zurück, sich über sich selbst lustig zu machen. So könnt ihr z. B. einen Haufen nicht verkaufter Floyd-Spielepackungen finden…
Auch die Sprachausgabe ist wieder gelungen. Im Original darf Brian Bowles, wie auch schon im zweiten Teil, die Rolle des Simon übernehmen, in der deutschen Synchro bleibt Erik Borner die Stammbesetzung des zotigen Zauberers. Nette Randnotiz: Für die deutsche Vertonung wird das Hamburger Studio von Ulrich Mühl verplichtet. Manche von euch kennen ihn vielleicht noch als Redakteur vom Aktuellen Software Markt (ASM). Leider ist Ulrich Mühl bereits Anfang 2022 verstorben.

… the bad …
Eine große Schwäche ist die umständliche und hakelige Steuerung, mit der ihr gezwungen werdet, Simon durch die viel zu großen 3D-Areale zu steuern.
Ihr steuert Simon mit den Pfeiltasten. Ähnlich wie bei der ursprünglichen Version von Grim Fandango schaut Simon in die Richtung von interaktiven Punkten. Damit ihr Simon animieren könnt, etwas zu tun, müsst ihr einer der Aktionstasten drücken. Dazu gehören „Untersuchen“, „Manipulieren“, „Inventar“ und „Fortbewegungsart ändern“. Ja, ihr könnt kriechen und laufen. Und auch auf eine Ego-Perspektive schalten. Und all das ist noch viel schlimmer, als es klingt.
Hinzu kommen unnötige Minigames, die völlig deplatziert wirken und gerade für Adventure-Fans zumeist absolut spaßbefreit sind. Immerhin könnt ihr mittels Telefonzellen „schnellreisen“ und jederzeit speichern. Falls ihr einen Bildschirmtod sterbt, könnt ihr sofort an der Stelle, an der ihr gestorben seid, weiterspielen.
Der allgemeine Zustand des Spiels bei Auslieferung kann zudem mit viel Wohlwollen zumindest als „problematisch“ beschrieben werden. Viele Spieler berichten davon, dass sie es gar nicht starten können, etwa aufgrund von Problemen mit ihren 3D-Grafikbeschleunigerkarten (ja, damals war das noch zusätzliche Hardware). Ist diese Hürde genommen, warten Spielabstürze und Bugs wie plötzlich verschwundene Gegenstände auf den leidenswilligen Spieler. Die goldene Adventure-Regel „Save early, save often“ gilt hier ganz besonders. Ein später herausgebrachter Patch behebt diese Probleme dann zwar größtenteils, sorgt aber auch dafür, dass Spielstände von älteren Versionen nicht mehr geladen werden können…
… and the ugly
Das Schlimmste an Simon 3D ist die bereits damals fürchterlich veraltete und einfach schrecklich hässliche 3D-Grafik. Das muss leider in aller Deutlichkeit so gesagt werden, allein die Screenshots sprechen da für sich. Auf dem Papier klingt alles „modern“: Die Charaktere sind aus Polygonen zusammengesetzt und bewegen sich in einer stufenlos dreh- und zoombaren 3D-Welt. Optisch hinkt das Spiel aber seiner Zeit mehrere Jahre zurück. Doch wie konnte es dazu kommen?

Immer Ärger mit den Publishern
Nach langer Suche hat Adventure Soft mit Hasbro Interactive endlich einen Publisher gefunden, der den dritten Teil ihrer Simon the Sorcerer-Serie veröffentlichen möchte. Im November 2000, nach zwei Jahren Entwicklungszeit, soll es dann endlich soweit sein. Es werden Pressekopien angefertigt und verschickt. Sogar erste Tests werden bereits veröffentlicht, doch dann muss plötzlich alles gestoppt werden: Die interne Qualitätssicherung von Hasbro Interactive hat dem Spiel per Notbremse den Stecker gezogen! Kurze Zeit später wird Hasbro Interactive wegen großer Verluste, die nur am Rande mit Simon 3D zu tun haben, an Infogrames verkauft. Und Headfirst steht wieder ohne Publisher da.
Die zermürbende Suche nach einem neuen Publisher dauert ganze zwei Jahre. Gerüchte, dass das Spiel nicht mehr erscheinen wird, machen die Runde. Schließlich einigt sich Headfirst mit Vivendi Universal Games, die Simon 3D in Europa veröffentlichen sollen. In den USA übernimmt das SouthPeak Interactive, während diese Aufgabe in ihrem Heimatland Großbritannien von Adventure Soft Publishing höchstpersönlich erledigt wird.
Am 13. April 2002 erscheint eine, seit dem Hasbro-Fiasko leicht verbesserte, Version von Simon 3D in Großbritannien. Fast zwei Jahre später, als geplant, und nicht nur deshalb technisch völlig veraltet. Kurz darauf wird das Spiel auch in den USA und in Europa veröffentlich. Die Kritiker sind sich einig: Witzig, aber hässlich.
Pressespiegel: Simon the Sorcerer 3D
Eins der frühen 2000er Pressemuster ist bei der PC Player gelandet:
„Witz alleine genügt nicht.“
Udo Hoffmann in der PC Player-Weihnachtsausgabe 13/2000 (via kultboy.com) (Wertung: 62 %)
„Wie schön, dass Simon the Sorcerer 3D trotz 3D-Liftings nichts von seinem Humor verloren hat.“
Thomas Weiß in der PC Games 07/2002 (via kultboy.com) (Wertung: 69 %)
„Witziges, aber hoffnungslos veraltetes 3D-Adventure“.
Paul Kautz im Online-Magazin 4players (Wertung: 71 %)
„Der Humor trägt das Spiel und lässt einen einige negative Punkte verschmerzen.“
Adventure-Treff (Wertung: 69 %)
Lohnt es sich trotzdem, als Fan der ersten beiden Spiele, einen Blick auf Simon 3D zu werfen? Die Frage müsst ihr euch selbst beantworten. Seid ihr Fan genug um mit der veralteten Grafik und der umständlichen Steuerung leben zu können? Habt ihr die Geduld, die Minispiele zu absolvieren und durch viel leeres Gelände zu laufen? Dann bekommt ihr ein witziges Adventure, das in Sachen Geschichte und Humor an seine Vorgänger anknüpft und ein kleines Stück Adventure-Geschichte repräsentiert. Wenn ihr euch das zwar nicht selbst antun möchtet, aber trotzdem Interesse am Spielinhalt habt, könnt ihr auch in eines der vielen Longplay-Videos reinlinsen. Dann entgeht euch allerdings auch das Aha-Erlebnis beim allerletzten Rätsel, das mir seit damals im Kopf hängen geblieben und an Kuriosität kaum zu überbieten ist.
SPOILER: Das finale Rätsel von Simon the Sorcerer 3D
Am Ende des Spiels müsst ihr aus dem „Nexus“ entfliehen. Dazu müsst ihr eine CD-ROM aus dem Inventar in einen Computer einlegen. Der Computer hat zwar ein Laufwerk, aber ihr könnt nirgendwo eine Taste zum Öffnen finden! Der Countdown läuft unbarmherzig runter, euch bleibt nur wenig Zeit. Da kommt euch ein Geistesblitz: Ihr drückt die „Auswurf“-Taste am CD-Laufwerk eures eigenen Computers. Und siehe da: Das Laufwerk des PCs im Spiel öffnet sich ebenfalls wie von Geisterhand. Noch schnell die CD eingelegt, und ihr habt das Spiel gelöst!
Leider ist das Rätsel besonders schlecht gealtert, denn CD-Laufwerke gehören schon lange nicht mehr zur Standardausstattung eines PC-Towers, geschweige denn eines Laptops. In so einem Fall müsst ihr euch mit einem virtuellen Laufwerk aushelfen…

Der Wunsch vieler Fans, dass Simon 3D ein Remake als klassisches Pixel-Adventure bekommt, wird wohl für immer ein Wunsch bleiben. Auch ein Versuch von Fans, dies auf eigene Faust zu regeln, verläuft 2006 im Sande.
Simon the Sorcerer ohne Adventure Soft?
Die Geschichte von Headfirst und Adventure Soft geht langsam dem Ende entgegen. Aber die Marke Simon the Sorcerer bleibt. Mike und Simon Woodroffe besitzen heutzutage immer noch die Rechte an ihrem Möchtegern-Magier, haben aber offenbar keine Pläne, noch einmal selbst ein Simon-Abenteuer zu entwickeln. Das hält die beiden aber nicht davon ab, das Franchise von anderen Firmen lizenzieren zu lassen.
Der deutsche Entwickler Silver Style Entertainment bringt mit Simon the Sorcerer – Chaos ist das halbe Leben 2007 sowie Simon the Sorcerer – Wer will schon Kontakt? 2009 zwei Adventures heraus, die zwar in Sachen Humor in keiner Weise mit den Vorbildern mithalten können, in der Presse aber immerhin besser wegkommen als Simon 3D. Im Jahr 2014 verabschiedet sich Silver Style in die Insolvenz, im gleichen Jahr kündigt das unabhängige Entwicklerstudio StudioBeasts aus Dublin an, unter dem Namen Simon the Sorcerer – Between Worlds eine weitere Fortsetzung herausbringen zu wollen. Daraus wird allerdings nichts, selbst die geplante Kickstarter-Kampagne kommt nicht zustande. Die Hoffnung der Fans liegt daher auf dem Prequel Simon the Sorcerer Origins, das 2024 von den italienischen Smallthing Studios kommen soll.
Wir nähern uns dem Finale! Das letzte Spiel von Headfirst (und Adventure Soft) führt uns in die Welt von H. P. Lovecraft…

(Dieser Beitrag erschien zuerst am 30. Oktober 2023 auf GamersGlobal)

Wollte nur mal schreiben: Schöner Blog!
Foolish Mortals hat mich gerade wieder ein bisschen Adventure-interessiert gemacht. 🙂
Erinnere mich, dass ich damals sogar ne Mail an Adventuresoft geschrieben hatte, wie es denn um Simon 3 stünde. Später auch noch mal während der langen Entwicklung von Call Of Cthulhu, gerade als Fan der Horrorsoft-Games. Habe jeweils ne Antwort bekommen, kann mich aber an den Inhalt nicht mehr erinnern.
Glaube, die Woodroffes waren ein Familienunternehmen im Kern, das den Sprung in die moderne Spieleindustrie mit ihren gigantischen Budgets und dem Extra-Aufwand nicht geschafft hatte. Gerade zu Amiga-Zeiten waren ihre Games technisch absolut State Of The Art. Erinnere mich, wie sich die Kumpels um meinen A500 versammelt hatten, am Tag, als endlich Waxworks mit seinen 10 (!) Disketten per Post angekommen war.
Im Rückblick auch krass, wie schwer sich ALLE aus dem Genre mit 3D taten. Gerade, wenn man sich heute Games wie Life Is Strange anschaut. Trotzdem gab es Aspekte, die mochte ich an Simon 3D. An das Bossrätsel kann ich mich sogar heute noch erinnern.
Danke dir! 🙂