Das Adventure-Soft-Vermächtnis #1: Adventure International UK

Von Adventure International UK zu Adventuresoft UK

Währenddessen in Birmingham, England: Wir befinden uns immer noch im Jahr 1985. Woodroffe ahnt vermutlich noch nichts von dem Bankrott seines US-Partners, der ihn noch am Ende des selben Jahres ereilen sollte. Inspiriert von dem Verkaufserfolg der Marvel-Adventures möchte Woodroffe auch in das Lizenzspielgeschäft einsteigen und versucht zunächst, an die Rechte von Terry Pratchett’s Discworld zu gelangen. Dies misslingt zwar, aber kurz darauf macht er bei einer USA-Reise unverhofft einen Deal mit Warner Bros. Entertainment über den damaligen Kinohit Gremlins – Kleine Monster und die TV-Serie Robin Hood (im Original Robin of Sherwood). In der englischen Retro Gamer Ausgabe 135 erinnert er sich:

„Ich kam mit der Gremlins-Lizenz heraus und dachte: ‚Wie habe ich das gemacht, was mache ich hier? Ich habe die Gremlins-Lizenz. Das ist Wahnsinn.‘ Und zur gleichen Zeit fragten mich dieselben Leute: ‚Hast du Lust auf Robin of Sherwood‘? Ich sagte ‚Ja‘!

Das lag schlicht und einfach daran, dass niemand sonst auf der Suche nach Lizenzen war. Das änderte sich bald darauf, als alle auf den Geschmack gekommen waren und es um viel Geld ging. Aber zu diesem Zeitpunkt war das alles noch völlig unvorstellbar.“

Mike Woodroffe im Retro Gamer (UK) #135

Im Jahr 1985 kommt mit Gremlins – The Adventure die erste AIUK-Eigenproduktion auf den Markt. Es erscheinen Versionen für C64, C16, CPC, ZX Spectrum und BBC Micro. Ungewöhnlich für die Zeit: Aufgrund des Erfolgs wird später sogar eine Version mit deutschen Bildschirmtexten unter dem Namen Gremlins – Das Abenteuer veröffentlicht. Unter dem Strich wird das Spiel ein großer Verkaufserfolg für AIUK und auch die Spielepresse ist größtenteils sehr angetan.

Die zweite Lizenz, die Woodroffe erworben hat, wird ebenfalls zu einem Erfolg. Kurz nach den Gremlins kommt mit Robin of Sherwood – The Touchstones of Rhiannon die Umsetzung der Robin Hood-TV-Serie als Textadventure mit Grafiken, ähnlich aufgebaut wie das Gremlins-Spiel. Woodroffe schreibt die Geschichte für das Abenteuer diesmal komplett allein, ohne die Unterstützung von Howarth, der dieses Spiel „nur“ programmiert.

Der nächste Coup von Woodroffe lässt nicht lange auf sich warten. Er sichert sich die Lizenzen zu den Abenteuerspielbüchern von Steve Jackson und Ian Livingstone, die im Original als Fighting Fantasy bekannt sind:

„Wir mochten, wie die Bücher funktionierten, abgesehen vom umständlichen Hin- und Herblättern zwischen den Seiten. Wir dachten, dass die Bücher gute Computerspiele abgeben würden.“

Mike Woodroffe im Retro Gamer (UK) #135

Im November 1985 erscheint die erste Fighting Fantasy-Umsetzung Seas of Blood noch unter dem Label AIUK. Gleichzeitig geht das Spiel auch als letztes AIUK-Spiel in die Geschichte ein. Denn Woodroofe muss nach der Pleite von Adventure International natürlich reagieren und legt den Namen AIUK ab. So wird 1986 Adventuresoft UK Ltd. geboren.

Das Ende der Textadventure-Ära

Auch mit dem neuen Namen geht es für Woodroffe & Co. erst einmal mit Textadventures weiter. Die beiden Fighting Fantasy-Adaptionen Rebel Planet und Temple of Terror erscheinen 1986 und 1987. Ein ambitioniertes Projekt namens Swordmaster, das in Zusammenarbeit mit Steve Jackson und Games Workshop entstehen soll, schafft es allerdings nie bis zur Veröffentlichung.

Gemeinsam mit dem langsamen Niedergang der Textadventures gerät nun auch Woodroffes Firma in finanzielle Schwierigkeiten. Zu den Gründen gehören unter anderem große Verluste durch Forderungsausfälle, da einige Händler zu dieser Zeit zahlungsunfähig werden und die Kosten für die Lizenzgebühren. Wie es das Schicksal so will, führt Woodroffe diese Angelegenheit schließlich an die Tür von Geoff Brown, einem ehemaligen Angestellten in Woodroffes Musikgeschäft!

Brown hat in der Zwischenzeit für den Publisher Centresoft gearbeitet und das Label U. S. Gold gegründet. Genau wie bei AIUK ist die Idee von U. S. Gold, Spiele aus den USA nach Großbritannien zu bringen, allerdings nicht nur auf Adventures beschränkt. Woodroffe wird sich mit Brown einig und so kommt es zur Zusammenarbeit zwischen Adventuresoft UK und U. S. Gold. Sein Team wächst zudem ein wenig an.

Zunächst werden noch Lizenzen zu Textadventures verarbeitet, so erscheint etwa das He-Man-Abenteuer Masters of The Universe – Super Adventure und Kayleth, das auf einer Kurzgeschichte von Isaac Asimov basiert. Weitere Adventures sind zwar geplant (oder sogar wie im Fall von Sword of the Samurai bereits fertiggestellt), werden aber nie veröffentlicht.

Woodroffe ist mittlerweile klar, dass die Zeit für Textadventures vorbei ist. Stattdessen wird er von U. S. Gold in eine ganze andere Richtung manövriert. Plötzlich finden sich die ehemaligen Adventure-Experten in der Rolle eines Studios wieder, dass Arcade-Games produziert! Sie erstellen 1987 die Atari ST-Version von Gauntlet und entwickeln das Action-Spiel Captain America in The Doom Tube of Dr. Megalomann. Und sogar He-Man muss noch einmal daran glauben und wird von ihnen zu Masters of the Universe – The Arcade Game verwurstet.

Die Zusammenarbeit mit U. S. Gold endet 1988 mit Heroes of the Lance, einer actionorientierten Advanced Dungeons & Dragons-Adaption. Mikes Sohn Simon Woodroffe ist zu dem Zeitpunkt 14 Jahre alt und arbeitet hier als Level Designer und Tester an seinem ersten Spiel mit. Teoman Irmak ist wieder für die Grafik zuständig und Brian Howarth programmiert letztmalig für seinen alten Weggefährten Mike Woodroffe, bevor er sein Glück in den USA sucht. Ein noch recht neuer Kollege namens Alan Bridgman, der ebenfalls an dem Spiel mitarbeitet, wird später in der Geschichte noch relevant.

Offenbar sind die Arcadespiele aber nicht die Erfüllung für Adventuresoft UK, so dass dieses Kapitel 1988 begraben wird. Stattdessen gründet Woodroffe nach einer schicksalshaften Begegnung auf einer Commodore-Show das Label Horror Soft, um das es im zweiten Teil des Adventure Soft-Vermächtnisses gehen wird…

(Dieser Beitrag erschien zuerst am 26. August 2023 auf GamersGlobal)

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