Crushed In Time

Holmes & Watson sind zurück! Doch diesmal nicht in einer stinknormalen Detektivgeschichte, sondern in einem Zieh-und-Fletsch-Zeitreiseabenteuer…

Als der französische Entwickler Pascal Cammisotto 2015 seinen Game‑Jam‑Beitrag There is no Game veröffentlichte, verbreitete sich das kleine Projekt wie ein Lauffeuer und die Downloadzahlen gingen in die Millionen. Der Schritt lag nahe, aus der Grundidee ein „richtiges“ Spiel zu entwickeln und zu vermarkten. Die anschließende Kickstarter‑Kampagne für There is no Game: Wrong Dimension scheiterte zwar krachend, doch das Team arbeitete unbeirrt weiter. Vier Jahre später, im Jahr 2020, erschien schließlich dieser eigenwillige Mix aus Puzzle, Adventure und Meta‑Game und überzeugte sowohl Kritiker als auch Spieler.

Die vielen tollen Einfälle und das spaßige Gameplay (das auch Point-and-Click-Adventure-Elemente enthält) hat There is no Game auch auf Platz 19 meiner Top 50 der besten Adventures von 2020 bis 2024 gehievt. Nicht nur, aber vor allem auch wegen des Kapitels mit Sherlock Holmes und Dr. Watson.

Und dieses Kapitel bekommt mit Crushed In Time jetzt so etwas wie ein Spin-Off. Aber wer das französische Indie-Studio Draw Me A Pixel kennt, weiß, dass sie nicht einfach „nur“ ein Point-and-Click-Adventure erschaffen würden. Im Artikel verrate ich euch, was Crushed In Time so einzigartig macht und ob ich etwas damit anfangen konnte…

Holmes & Watson

Panik im Studio Draw Me A Pixel: Kaum haben die Entwickler die Veröffentlichung ihres Spiels Holmes & Watson gefeiert, hagelt es schon schlechte Bewertungen. Offenbar ist ein NPC spurlos verschwunden! Kurz darauf finden wir uns selbst in diesem „verbugten“ Spiel wieder und beobachten, wie Dr. Watson einen mysteriösen Brief erhält. Eine gewisse Emma behauptet darin, ihn zu vermissen. Neugierig, was hinter dieser Nachricht steckt, überredet Watson seinen Partner Sherlock Holmes, der angegebenen Adresse nachzugehen und der Sache auf den Grund zu gehen.

Was zunächst wie eine klassische Detektivgeschichte beginnt, entwickelt sich schnell zu einem ausgewachsenen Meta‑Abenteuer, das die Hintergrundgeschichte des Entwicklerstudios mit der Handlung des „Spiels im Spiel“ verknüpft. Schon früh werdet ihr beinahe vom eigenen Spiele‑Logo erschlagen und müsst euch daran vorbeimanövrieren – ein Vorgeschmack darauf, dass hier die vierte Wand nicht lange hält. Später führt euch die Reise hinter die Kulissen des Spiels und sogar darüber hinaus. Dabei begegnet ihr nicht nur Emma, sondern auch dem rätselhaften Herrn „Placeholder“, der offenbar eine Zeitmaschine erfunden hat und euch prompt in eine Zeitreisegeschichte hineinzieht. Spätestens an diesem Punkt driftet die Handlung bewusst ins Absurde ab, bleibt dabei aber durchweg unterhaltsam.

Wie schon bei There Is No Game spielt Draw Me A Pixel auch hier mit der Vermischung von realer Welt und Spielebene und erschafft erneut ein humorvolles, kreatives Werk, das sich kaum in eine einzelne Genre‑Schublade pressen lässt.

Ziehen und Fletschen

Im Kern ist Crushed In Time ein Point‑and‑Click‑Adventure, das auf eine ungewöhnliche Steuerungsmethode setzt: das „Ziehen und Fletschen“. Statt direkte Befehle an die Figuren zu geben (die damit streng genommen alle NPCs sind) zieht ihr an den Hotspots auf dem Bildschirm und schleudert sie wie Gummibänder zurück. Auf diese Weise lasst ihr Gegenstände durch die Gegend hüpfen, verpasst Charakteren eine Ohrfeige oder löst Mechanismen aus. Gespielt wird wahlweise mit Maus oder Gamepad; mit letzterem könnt ihr die Hotspots zudem bequem durchschalten. Ergänzt wird das Ganze durch ein Hinweissystem, das euch bei Rätseln unterstützt – und damit ist die Steuerung im Wesentlichen erklärt.

Um weiterzukommen, müsst ihr die richtigen Hotspots im richtigen Moment fletschen. Oft ist dabei präzises Timing gefragt, manchmal auch eine Portion Geschicklichkeit. Das kann frustrierend werden, vor allem dann, wenn ihr die Lösung eigentlich längst verstanden habt, aber an Kleinigkeiten wie einem verpassten Zeitpunkt scheitert. In vielen Fällen bedeutet das, dass ihr die gesamte Rätselabfolge mehrfach wiederholen müsst, bis endlich alles sitzt.

Trotz der einfachen Steuerung sind die Rätsel abwechslungsreich und kreativ und halten immer wieder kleine Überraschungen bereit. Die Geschichte selbst bleibt dagegen eher flach, und auch die Meta‑Ebene fand ich nicht besonders mitreißend. Dafür hat der Humor bei mir oft gezündet, was ja ebenfalls einiges wert ist. Der Fokus liegt klar auf den Puzzles, was allerdings gut zur Grundidee des Spiels passt.

Draw Me No Pixel?

Im Gegensatz zu There Is No Game präsentieren sich Holmes & Watson hier nicht in Pixel‑, sondern in 3D‑Comic‑Optik, die bewusst schräg wirken möchte. Der Stil kommt aus meiner Sicht nicht an den Charme der Pixel‑Vorlage heran, erfüllt aber ihren Zweck. Durch die 3D‑Darstellung entsteht immerhin deutlich mehr Dynamik und Action in den Szenen.

Die wenigen Figuren der Geschichte sind erneut hervorragend vertont, wie gewohnt allerdings nur auf Englisch. Die Bildschirmtexte könnt ihr euch dafür komplett in einer gelungenen deutschen Übersetzung anzeigen lassen.

Akustisch punktet das Spiel zudem mit einem passenden, leicht überdrehten Sounddesign, das die cartoonhafte Präsentation gut unterstützt. Musik und Effekte bleiben zwar selten im Gedächtnis, tragen aber zuverlässig zur Stimmung bei.

Fazit

Mit der Fletsch‑Mechanik steht und fällt Crushed In Time. Anfangs hatte ich durchaus Schwierigkeiten, mich daran zu gewöhnen, aber sobald der Knoten geplatzt war, konnte ich der Idee einiges abgewinnen. Weniger gefallen hat mir allerdings, dass ich viele Aktionen immer wiederholen musste, bis entweder das Timing endlich passte oder ich das letzte fehlende Detail im Puzzle entdeckt hatte. Diese Wiederholschleifen ziehen sich durch mehrere Rätsel und können den Spielfluss spürbar bremsen.

Technisch lief das Spiel sowohl auf meinem Windows‑PC als auch auf dem Steam Deck einwandfrei – bis ich es wegen eines echten Bugs vorzeitig abbrechen musste. Viel dürfte bis zum Finale nicht mehr gefehlt haben, doch nun stecke ich in einer Cutscene‑Endlosschleife fest. Immerhin habe ich die Rückmeldung erhalten, dass an dem Problem gearbeitet wird; ob es allerdings zeitnah zum Release behoben sein wird, erscheint mir eher unrealistisch. Das ist wirklich ärgerlich, entsprechend gilt mein „Glücklicher‑Gorilla“-Urteil nur unter Vorbehalt.

Ihr findet Crushed In Time zunächst auf Steam, im Laufe des Jahres sollen Versionen für Android und iOS folgen.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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3 Comments on “Crushed In Time”

  1. Vielen Dank zu eurem Test zu diesem kleinen Indie-Point-and-Click-Adventure der besonderen Art. Es ist meiner Ansicht nach eine kleine Perle. Es ist herrlich absurd und diese „Zieh-Mechanik“ ist wirklich einzigartig. So etwas habe ich bisher in keinem einzigen Point-and-Click-Adventure erlebt. Und ich spiele seit 1990. Ohne eure Beratung hätte ich es nie gekauft, bzw. nie davon erfahren und hätte diese Indie-Perle sicherlich verpasst, denn auch bei diesem Spiel seid ihr deutschlandweit die Einzigen, die es getestet haben.

    PS: Falls ich mir einen Adventure Test wünschen darf… Mitte Juli 2026, also in ca. einer Woche kommt endlich nach 30 Jahren Entwicklungszeit „Of Pawns & Kings“ auf Steam raus. Es ist das Lebenswerk des Einzel-Entwicklers Ingo Stuckenbrock aus Münster. Vor 3 Jahren gab es auch mal eine Demo, die trotz einiger kleineren Schwächen bereits sehr spaßig war. „Of Pawns & Kings“ soll ein Point-and-Click-Adventure der alten Schule werden, inspiriert von The Secret of Monkey Island 🙂

    1. Tatsächlich steht in den Steam-Kommentaren, dass der Plan ist, das Spiel Mitte Juli zu veröffentlichen. Der Releasetermin auf der Steam-Shop-Seite ist aber noch nicht geändert worden. Mal sehen, ob es dann tatsächlich kommt.

      Aber ja, das habe ich schon länger auf meiner Watchlist und wenn es erscheint schaue ich es mir gerne an. 🙂

      1. Hey danke für die Antwort. Dann freu ich mich jetzt schon mal auf euren Test zu „Of Pawns & Kings“ 🙂

        In der ARD Mediathek gab es letztes Jahr einen netten kleinen Beitrag zum Spiel. Der Entwickler kommt sehr sympathisch rüber, auch wenn er Haare wie ein Hippie von Woodstock 1969 hat 😀

        https://www.ardmediathek.de/video/lokalzeit-muensterland/gameentwickler-aus-muenster-erfuellt-sich-lebenstraum/wdr-muenster/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtYzM3NTY5YmItZmM1Yi00MGMwLWJjYTgtZmMxNzA3MmM0OGM2

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