Casebook 1899 – The Leipzig Murders

Ein Detektivspiel aus deutschen Landen, das zudem auch noch in Deutschland spielt? Da packen wir doch die Lupe aus und schauen es uns genauer an!

Vor fünf Jahren erschien Völkerschau, der erste historische Kriminalroman mit „Commissar Kreiser“ als Hauptfigur, geschrieben von Gregor Müller. Zwei Jahre später ließ dieser den Kriminalkommissar die Leipziger Zeitenwende erleben – und jetzt ist Kreiser Star seines eigenen Adventures! Casebook 1899 – The Leipzig Murders führt uns so wie die Romane ins Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Und tatsächlich hat Müller das Kunststück fertig gebracht, das Spiel nahezu im Alleingang zu entwickeln. Die Kickstarter-Kampagne, die kurz nach Veröffentlichung des zweiten Kreiser-Romans online ging, half dem Autoren mit seinem Ein-Mann-Studio Homo Narrans sicherlich ein wenig dabei, auf einen Publisher verzichten zu können, um vollständige kreative Kontrolle über seine Figuren zu behalten. Jetzt ist endlich der Tag der Veröffentlichung gekommen und wir verraten euch, was euch in diesem Detektivspiel erwartet.

Fallbuch für alle Fälle

Casebook 1899 beinhaltet vier Kriminalfälle, die ihr in der Rolle des Kommissars untersuchen dürft. Es beginnt mit einem Unfall – oder mit einem Mord?! Eins dieser neumodischen Automobile ist ungebremst über die gerade im Bau befindliche Könneritzbrücke in die Weiße Elster gerauscht, was zum vorzeitigen Ableben des armen Fahrers führte. Dem Entwickler war es wichtig, die historischen Schauplätze möglichst authentisch darzustellen und in die Geschichte einzuweben: So stattet ihr im späteren Spielverlauf noch Orten wie dem Leipziger Bayerischen Bahnhof oder dem Alten Theater einen Besuch ab.

Der erste Todesfall ist jedenfalls ein guter Einstieg, um die Spielmechaniken kennenzulernen. Wie es sich für ein Detektivspiel gehört, sucht ihr zunächst nach Hinweisen und Spuren sowie befragt die Zeugen. Relevante Dinge werden dann automatisch in euer Notizbuch aufgenommen, und natürlich könnt ihr darin Verbindungen herstellen und Schlüsse ziehen. Als Detektivspielkenner ist das für euch nichts Neues, Frogwares & Co lassen grüßen. Zudem dient das Notizbuch auch als Erinnerungshilfe zum aktuellen Stand eurer Ermittlungen.

Habt ihr aus eurer Sicht genug ermittelt und kombiniert, dürft ihr euer Urteil fällen und den Schuldigen (oder Unschuldigen?) festnehmen lassen. Ob ihr richtig gelegen oder gar entscheidende Hinweise übersehen habt, werden in einer kurzen Zwischensequenz nur angedeutet. Abgerechnet wird erst im vierten Fall, der eure Entscheidungen aus den vorherigen Fällen noch einmal aufgreift und zu verschiedenen Enden führen kann.

Ächz Stöhn Seufz Kicher

Neben der Detektivarbeit erwartet euch auch klassische Point-and-Click-Kost wie Dialogrätsel oder das Sammeln und Anwenden von Gegenständen. So wandern nützliche Dinge natürlich schneller in euer Inventar als euer ständiger Begleiter, der Staatsanwalt Moebius, Einspruch erheben kann. Dieser gibt zu euren (manchmal die Grenzen der Legalität ausreizenden) Taten nicht nur gerne spöttische Kommentare ab, sondern dient auch als internes „Hilfesystem“ sowie Hotspotanzeige. Letztere lässt sich zum Glück auch per Leertaste aktivieren und ist durchaus hilfreich, die Hinweise von Moebius, die sich auf dem Niveau von „Schau dir hier noch einmal alles genau an“ bewegen, sind es aber eher weniger. Dennoch solltet ihr relativ gut durch die ersten drei Fälle kommen – bis dann der abschließende Fall den Schwierigkeitsgrad der Rätsel ordentlich nach oben schraubt.

Wer Minispiele (etwa in der Form von Logikrätseln) mag, wird in Casebook 1899 ebenfalls fündig – alle anderen dürfen sie überspringen. Wenn ihr alte Fälle noch einmal Revue passieren lassen oder in bestimmten Akten recherchieren wollt, kehrt ihr dazu in euer Büro in der „Wächterburg“ (dem Gefängnis in der Wächterstraße) zurück und durchwühlt euren gut sortierten Aktenschrank oder liest in der aktuellen Morgen-Ausgabe des Allgemeinen Leipziger Anzeigers.

Die handelnden Personen unterhalten sich in feinstem Hochdeutsch – hier wurde die Design-Entscheidung getroffen, auf sächsischen Dialekt zu verzichten. Davon abgesehen wirken leider manche Stimmen etwas unpassend gewählt und auch die Performance der Sprecher ist nicht immer auf höchstem Niveau – das kann ich Casebook aber gerne verzeihen. Das ständige Stöhnen und Seufzen des Protagonisten jedoch, das immer ertönt, wenn er zum Beispiel mal wieder einen Hotspot für mich untersuchen soll, hat mich während des Spielens schon erheblich gestört und mich glauben lassen, ich als Spieler sei für den feinen Kommissar eine außergewöhnliche Belastung. (Nachtrag: In einem Update, das nach der Erstellung dieses Artikels erschien, hat der Autor das Gestöhne netterweise etwas entschärft.)

Schön pixelig hier

Die deutsche Vertonung ist wohl einer der größten Kritikpunkte – eine der großen Stärken von Casebook 1899 hingegen liegt in den wunderschön gepixelten Grafiken, die die Schauplätze und Charaktere liebevoll und möglichst historisch korrekt darstellen. Die Geräuschkulisse schmiegt sich da angenehm unaufdringlich an. Die Kutschfahrten zwischen den Orten tragen ebenfalls zur Atmosphäre bei und lassen sich auch überspringen, sobald ihr euch daran sattgesehen habt.

Die Zwei-Klick-Maussteuerung funktioniert so, wie ihr es vermutlich gewohnt seid: Linksklick Laufen und Aktion durchführen, Rechtsklick Hotspots anschauen. Das Inventar blendet ihr mit dem Mausrad nach oben (oder mit einem Druck auf die Taste „I“) ein, während sich mit dem Mausrad nach unten (oder mit der Taste „N“) euer treues Notizbuch öffnet. Die Leertaste zeigt euch die Hotspots und die Escape-Taste führt euch ins Menü – hier gibt es nichts zu Beanstanden.

Fazit

Was Gregor Müller hier auf die Beine gestellt hat, ist aus meiner Sicht wirklich aller Ehren wert. Nach etwa achten Stunden flackerte bei mir der Abspann über den Bildschirm – allerdings hatte mich der letzte Fall zuvor ganz schön viel Nerven gekostet! Der nicht unerhebliche Schwierigkeitsgradanstieg kam für mich überraschend und hat meine kleinen grauen Zellen ganz schön gefordert – vor allem die Rätsel im letzten Akt. Die drei Fälle davor haben mir tatsächlich mehr Spaß gemacht, das gemütliche Sammeln der Hinweise, gepaart mit der Kombinationsmechanik und den Adventure-typischen Rätseln ist eher mein „Fall“. Die Grafik ist wirklich toll, die deutsche Vertonung nicht immer – nichtsdestotrotz hatte ich unter dem Strich viel Spaß mit Casebook 1899 – The Leipzig Murders und würde mich über ein zukünftiges Kreiser-Abenteuer sehr freuen.

Wenn ihr nun Lust bekommen habt, den „Commissar“ bei der Aufklärung von vier Kriminalfällen zu unterstützen, findet ihr Casebook 1899 – The Leipzig Murders ab heute auf Steam.

Und was sagt Jürgen dazu?

Vorweg: Ich bin nicht bis zum vierten Fall gekommen und beurteile daher nur das angenehme Niveau der vorhergehenden Fälle. Die Knobeleien des Kommisars haben mir dabei bis auf zwei Punkte großen Spaß gemacht: Zum einen lässt die Hinweis-Mechanik nur Verknüpfungen zu, die dem Spiel genehm sind. Meiner Meinung nach vollkommen logische Verbindungen führen aber gerne nur zu dem von Sascha bereits angeführten Seufzen – meinem zweiten großen Minuspunkt. Nach derzeitigem Stand musste ich mich nach einer gewissen Spielzeit jedes Mal überwinden, etwas anzuklicken. Denn das Burnout-Syndrom, an dem Kommisar Kreiser offensichtlich leidet, wollte schon auf mich überspringen. Es mag zwar nur eine Kleinigkeit sein, doch der stete Seufzer höhlt die Nerven.

Am Großteil des Spiels hatte ich aber meine Freude: Wunderschöne Pixeloptik, gemächliches – aber nicht langweiliges – Gameplay, gelungene Sprachausgabe. Klar könnte die eine oder andere Stimme noch ein wenig besser getroffen sein, aber für die Größe des Projekts und die Tatsache, dass überhaupt eine deutsche Tonspur dabei ist: Sehr gut.

Was ich von Herrn Moebius halten soll, ist mir noch nicht so recht klar. Dank Sascha musste ich ihn für die Hotspots nicht mehr anklicken, aber so richtig nützlich ist die Figur auch anderweitig nicht. Allerdings ist eine Begleitung natürlich immer nett.

Mein bisheriger Eindruck ist also der eines gelungenen Detektiv-Adventures mit kleineren Schwächen. Seufz.

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Über TheLastToKnow

Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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