Buchvorstellung: Replay. Erinnerungen einer entwurzelten Familie

Jordan Mechner ist Lesern dieser Webseite sicher hauptsächlich als Computerspiel-Designer bekannt. Dank Klassikern wie Prince of Persia oder Karateka gilt er als einer der einflussreichsten Entwickler der frühen Spielegeschichte. Mit dem cineastischen Adventure The Last Express zeigte er 1997 erstmals deutlich, dass ihn auch komplexere Erzählungen und historische Stoffe interessieren. Genau die richtigen Voraussetzungen für sein Buch. Hier taucht Mechner tief in seine Familiengeschichte ein und verwebt in seiner Graphic Novel das Leben gleich mehrerer Generationen.

Drei Leben

Die erste Zeitebene folgt Adolf Mechner als jugendlichem Soldaten in den Ersten Weltkrieg. Er wächst in einer jüdischen Enklave des Vielvölkerstaats der österreichisch-ungarischen Monarchie auf, nur um kurze Zeit später in den Krieg gezogen zu werden. Selten schildert Replay dabei die Schlachten selbst. Vielmehr geht es um das Soldatenleben drumherum. Um das Überleben und die Zufälle, die dieses erst möglich machen. Um Schikanen in der Armee, die Ungerechtigkeit einzelner Vorgesetzter. Um den Moment, an dem Adolf und seine Kameraden sich freuen, ins Gefängnis zu müssen, weil ihre Lebensbedingungen in der Kompanie schlechter sind als dort.

Einer dieser oben erwähnten Zufälle ermöglichte es Teilen der Familie Mechner 1938, aus Deutschland zu fliehen: Ein Großonkel Mechners hatte noch vor dem ersten Weltkrieg in Wien zwei Aquarelle eines unbekannten österreichischen Malers gekauft, der von der Akademie der bildenden Künste abgelehnt worden war. 1938, nach der Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich, zeigte er diese Bilder einem NS-Funktionär und hatte eine Woche später im Tausch dafür Visa für sich und seine Frau bekommen. Ob die Hitler-Aquarelle die Wirren des Kriegs überlebt haben, wird allerdings nicht erzählt.

Aus dieser Geschichte heraus folgen wir dem sieben Jahre alten Franz Mechner, der mit seinem Vater 1938 vor den Nationalsozialisten flüchtet, indem er nach Paris fährt. Während Adolf Mechner weiter nach Kuba fährt, soll Franz in Frankreich auf seine bald nachkommende Mutter warten. Doch die Pläne gehen nicht auf und Franz ist in den nächsten Jahren immer wieder aufs Neue gezwungen, Bindungen hinter sich zu lassen. Seine Flucht mit seiner Tante Lisa quer durch Frankreich ist auch wieder geprägt durch Zufallsbekanntschaften, die den beiden das Leben retten.

Jordan Mechner selbst ist Mittelpunkt der dritten Handlung. Hier springt die Geschichte zwischen seiner Jugend und seiner aktuellen Lebenssituation hin und her. Auf einer Seite fotografiert er für sein Spiel The Last Express Eisenbahnwaggons, auf einer anderen nimmt er seinen Bruder mit der Videokamera auf, um darauf die Animationen von Prince of Persia zu machen, auf einer dritten Seite wird ihm mal wieder ein Projekt vor der Nase dicht gemacht. Und zwischen all diesen beruflichen Dingen findet sein Familienleben mal mehr, mal weniger Platz. In kleinen Vignetten bekommt der Leser den Werbegang Mechners Kinder zu sehen, seine Lebensumstände und die Städte, in denen er wohnt / wohnte.

Wer sich nun Sorgen macht, mit den Zeiten im Buch durcheinander zu kommen: Jordan Mechner hat vorgesorgt. Während seine eigene Erzählung einen gelben Hintergrund hat, folgen wir Franz Mechner in blau und Adolf Mechner im ersten Weltkrieg in grau. Doch trotz dieser Farbhilfe und vielen kleinen Jahreszahlen in den Bildern ist es auf den ersten Blick manchmal verwirrend. Allerdings nur, weil man gerade so sehr mit einer Figur mitgefiebert hat, dass sich mein Kopf nicht direkt von ihr verabschiedet, nur weil eine andere Hintergrundfarbe kommt.

Was Replay meisterlich schafft: Das Buch zeigt immer wieder, wie sehr die Familie Mechner von der Vergangenheit geprägt wird. Natürlich ist Jordan Mechner nicht in jeder Minute seines Lebens damit beschäftigt, sich Gedanken über die Familiengeschichte zu machen. Und doch spiegeln sich die Erfahrungen der vorherigen Generationen ständig in seinem Alltag wider – in seiner Rastlosigkeit, in den vielen Ortswechseln, im Bedürfnis, Dinge festzuhalten und zu dokumentieren.

Wer noch tiefer in die Geschichte hinter der Geschichte in Replay eintauchen möchte, findet auf Mechners Webseite weitere Informationen. Sortiert nach den Buchkapiteln gibt er mal weitere Hintergrundgeschichten preis, mal kann der Leser ganze Seiten aus Adolf Mechners Memoiren im Original lesen, mal gibt es lustige Anekdoten wie einen Ausschnitt aus Google Earth, auf dem ein Leser Mechner in genau dem Café gefunden hat, das auch im Buch abgedruckt ist. Noch besser ist die Geschichte, weil das Café mittlerweile nicht mehr existiert.

Im Buch selbst taucht – neben den ganzen großen Geschichten – ganz am Ende noch ein letzter kleiner Herzensbrecher auf. Möglich, dass Mechner ihn das ganze Buch über raffiniert vorbereitet hat, vielleicht war er auch tatsächlich der Zufall, der er in der Geschichte sein soll. Egal, auf mich hat das Ende damit einen nochmal leicht größeren Eindruck gemacht als die 310 Seiten zuvor. Und das will etwas heißen. Wer auch nur ein bisschen was mit Graphic Novels und europäischer Geschichte anfangen kann, sollte Replay unbedingt lesen.

Offenlegung: Für diesen Artikel wurde uns das vollständige PDF kostenfrei zur Verfügung gestellt.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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