Buccaneers Shipshape

Wenn man mich vor 10 Jahren gefragt hätte, welches Genre der 80er und 90er ein Comeback feiern würde – Beat em Up hatte ich, wie viele andere, sicherlich ganz unten auf meiner Bingo-Karte. In den letzten Jahren wurde das Genre mit Titeln wie Streets of Rage 4, TMNT: Shredder’s Revenge, River City Girls, Final Vendetta, Double Dragon Gaiden oder Fighting Rage erfolgreich wiederbelebt. Und mit Fallen City Brawl, Ra Ra Boom, Double Dragon Revive, Marvel – Cosmic Invation oder Detained – Too Good For School stehen auch schon weitere vielversprechende Titel für 2025 in den Startlöchern.

Der kanadische Indie-Entwickler Merso hatte seine Liebe für chaotische Prügeleien bereits vor dem kommerziellen Comeback des Genres gezeigt: 2014 veröffentlichte er sein erstes Fangame zu den Power Rangers, 2016 folgte ein Fangame zu den Thundercats und 2019 das von mir innig geliebte TMNT – Rescue Palooza.

Für das neueste Werk buddelte Merso ganz besonders tief in der Vergangenheit und grub das obskure 1989er Spiel Buccaneers aus. Ein Piratenspiel, dass für die Spielhalle erschien und sich spielerisch stark an Irems Vigilante aus dem Vorjahr orientierte. Kennt ihr nicht? Ich vor diesem Spiel auch nicht.

Der Schatzkarte hinterher

Das hatten die vier Piraten Simon, Coralie, Portia und Aldemar nicht eingeplant: Ein anderer Pirat stiehlt ihnen das Piratenschiff und eine sagenumwobene Schatzkarte direkt vor ihren Augen. Das ist der Ausgangspunkt für neun Levels, in denen sich das Quartett durch Hafenstädte, Tavernen und sogar am Meeresgrund durch feindliche Gegnerwellen prügelt und Zivilisten um Gold erleichtert.

Typisch für das Genre lauft ihr mit einem der vier Piraten von links nach rechts und schlagt auf alles ein, was euch im Weg steht. Aus Kisten bergt ihr Waffen wie Peitsche und Muskete, mit denen ihr den Gegnerhorden vorübergehend überlegen seid. Ansonsten verlasst ihr euch auf Degen, Kicks, Würfe und gezielte Sprungattacken. Ein Papagei begleitet euch und kann jederzeit zu Hilfe gerufen werden – er lenkt vor allem Gegnergruppen sehr effektiv ab. Sobald die Power-Leiste gefüllt ist, lässt sich außerdem ein besonders wirkungsvoller Special Move ausführen. All das ist aus unzähligen Genrevertretern bekannt.

Und genau das ist zugleich die große Stärke des Spiels: Merso versucht erst gar nicht, das Rad neu zu erfinden. Im Gegenteil – der Entwickler weiß genau, was das Genre unterhaltsam macht: grafische Abwechslung, unterschiedliche Gegnertypen mit eigenen Taktiken und ein hohes Spieltempo. Dabei folgt er einer Designphilosophie, die viele andere Entwickler heute wohl vergessen haben: Mach‘ es kurz! Tatsächlich dauern die einzelnen Levels nie länger als vier Minuten und auch die Bosse nerven nicht mit endlosen Kämpfen. Sobald ihre Taktik durchschaut ist, sind sie innerhalb von 30 Sekunden platt.

Deshalb ist das Hauptspiel nach etwa 45 Minuten auch schon abgeschlossen – genau die richtige Länge für dieses Genre. Es gibt weder Erfahrungspunkte noch Sammelobjekte oder übermäßig in die Länge gezogene Levels. Der Entwickler hat ein exzellentes Gespür dafür, wann ein Setting ermüdend wird, und wechselt dann direkt in den nächsten Abschnitt. Ein solches Gefühl für Timing habe ich in diesem Genre selten erlebt in den letzten Jahren.

Als Bonus wartet noch das nachgebaute Originalspiel von 1989 auf euch. Das wurde nur unwesentliche verbessert und spielt sich genauso behäbig und öde wie damals. Aber eine schöne kleine Zeitreise in die Geschichte des Genres.

Fazit

Für 12,79 Euro bekommt ihr ein richtig gutes Prügelspiel serviert, das weiß, wann Schluss sein muss. Das mag widersprüchlich klingen – das Beat-em-up-Genre war jedoch vor allem in Spielhallen erfolgreich und daher nie auf lange Spielsessions ausgelegt. Eine Tatsache, die viele heutige Entwickler nicht mehr richtig auf dem Schirm haben. Besonders mit mehreren Spielern macht das Piratenabenteuer natürlich am meisten Spaß, aber auch Solospieler kommen durch die kurzen, knackigen Levels auf ihre Kosten. Für mich aus diesen Gründen eines der Genre-Highlights der letzten Jahre.

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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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