BFG (8): Jagd auf Roter Oktober

Wie das Leben so spielt: Da schreibt man gelangweilt im seinem Versicherungsbüro an einem Roman über ein russisches U-Boot und schickt es aus Neugier einem nischigen Fachverlag über Marine-Sachbücher. Prompt landet Tom Clancy damit einen Hit, der weitere Bücher, Serien, Filme, Spiele und Nachahmer nach sich zieht.

Der Durchbruch kam durch das Weiße Haus: Der damalige US-Präsident Ronald Reagan hatte Jagd auf Roter Oktober begeistert gelesen und öffentlich mit den Worten „das perfekte Seemannsgarn“ beworben. Wenn der mächtigste Mann der Welt einen Thriller zur Pflichtlektüre erklärt, wird aus einem Versicherungsbüro-Projekt plötzlich der Startschuss für ein Multimedia-Phänomen. Ob das Buch mehr zu bieten hat als Militär-Details?

Das Buch

Der Roman erschien 1984. Ronald Reagan war seit drei Jahren Präsident der Vereinigten Staaten, während in der UdSSR nach Leonid Breschnews langem Siechtum und Tod im November 1982 erst Juri Andropow und nach dessen Tod im Februar 1984 Konstantin Tschernenko bis zum März 1985 Generalssekretär der KPdSU war. In dieser Umbruchszeit näherten sich die beiden Machtblöcke vorsichtig an, doch an eine Entspannungspolitik war im großen Maßstab noch nicht zu denken. Dass der Ostblock wirtschaftlich stagnierte, machte ihn in westlichen Augen nicht unbedingt ungefährlicher.

In diese Endphase des Kalten Krieges hinein erschien Jagd auf Roter Oktober und nutzt dessen allgegenwärtige, latente Bedrohung als erzählerischen Motor:

Im Mittelpunkt der Handlung steht das sowjetische Atom-U-Boot Roter Oktober, ein hochmodernes Gefährt mit einem neuartigen, nahezu geräuschlosen Antrieb. Unter Kapitän Marko Ramius läuft das Boot zu seiner Jungfernfahrt aus. Doch Ramius – so viel wird schon auf den ersten Seiten klar – hat eigene Pläne. Nur welche? Bald jagt die Sowjetunion dem Boot hinterher, was wiederum die Amerikaner auf den Plan ruft. Keine Seite traut der anderen – und keine Partei weiß, was Ramius vorhat.

Clancy erzählt die Geschichte aus vielen Perspektiven: Er springt von Ost nach West, von Admirälen zu Politikern, von U-Boot-Kommandanten zu Piloten und von Geheimdienstanalysten zu Zivilisten. Hier entsteht die Spannung aus dem Informationsmangel: Entscheidungen werden auf Basis unvollständiger Daten getroffen, Fehleinschätzungen können schwere Folgen haben, überreizte Nerven sorgen für Sticheleien, die jederzeit zu einem Krieg führen könnten.

Für mich beim Lesen komplett überraschend: Jack Ryan – in späteren Romanen die zentrale Figur, die eine steile Karriere hinlegt– spielt in Jagd auf Roter Oktober nur eine kleine Rolle. Hier ist er CIA-Analyst mit gutem Draht nach Großbritannien. Seine Leistung besteht darin, die Hypothese zu entwickeln, dass Ramius mit seinem Boot überlaufen will. Doch bis sich diese Meinung durch die Hierarchie-Ebenen nach oben arbeitet, dauert es etwas.

Im weiteren Verlauf der Handlung wird Ryans Rolle größer: Mal sitzt er im Flieger (trotz Flugangst), mal übermittelt er Befehle auf einem Flugzeugträger (trotz Seekrankheit). Erst im letzten Drittel wird seine Anteil an der Handlung wichtiger. Aber immer bleibt er eine von vielen Figuren – ein Rädchen im Geschehens-Getriebe, das Roter Oktober in Gang gesetzt hat.

Bei allen Bemühungen Clancys, sowohl die russische als auch die amerikanische Sicht darzustellen: Wem seine Sympathie gilt, verbirgt er nicht. In der Sowjetunion lügt Jeder Jeden an, um politisch oder buchstäblich zu überleben. Einzig um treue Parteisoldaten macht die Obrigkeit sich Sorgen. Auf der Roter Oktober ist nicht nur ein Politikoffizier an Bord, der die Mannschaft überwacht, sondern zusätzlich ein Mannschaftsgrad-Spion, der am Ende der Handlung die Karten noch einmal neu mischt.

In der Sowjetunion sind Menschenleben also nicht viel wert – und Vertrauen ist Mangelware. Wohingegen der amerikanische Präsident selbstverständlich moralisch gefestigt ist und es ablehnt, gegnerische U-Boot-Fahrer „verschwinden“ zu lassen. Immerhin eine Ebene tiefer wird ganz am Ende der Handlung auch auf amerikanischer Seite eine schmutzige Entscheidung getroffen.

Auch in der Technik wird der Unterschied der Systeme deutlich – hier allerdings offensichtlich belegt: Technische Abläufe werden ausführlich erklärt, Antriebsmethoden der U-Boote verglichen, eine Waffengattung folgt der nächsten. Dass die sowjetische Technik der amerikanischen Variante meist unterlegen ist, wird normalerweise nicht einfach nur behauptet, sondern mit Zahlen unterfüttert. Diese Genauigkeit war zur Zeit der Veröffentlichung ungewöhnlich und sorgte für große Aufmerksamkeit. Woher hatte der Autor nur diese Informationen? In einem Interview mit Publishers Weekly heißt es:

Er studierte intensiv die vielen Bücher von Samuel Eliot Morison zur Marinegeschichte und Entdeckungsfahrten. In den letzten Jahren bezog er den größten Teil seines Wissens über militärische Ausrüstung und Taktik aus Armed Forces Weekly, Jane’s Defence Weekly sowie aus diversen Publikationen des Naval Institute Press.

John Mutter / Publishers Weekly 8. August 1986

Clancy betonte in Interviews häufig, dass er über kein Geheimwissen verfüge. Seine Kenntnisse stammten aus der Fachpresse, Interviews, Handbüchern und der eigenen Phantasie. Oft genug waren diese selbst erdachten Elemente sehr nahe an der Realität. Berühmtermaßen soll der Marinestaatssekretär John Lehman nach Lektüre des Buches „Wer zum Teufel hat das freigegeben?“ gerufen haben.

Ohne, dass ich eine für mich verständliche Erklärung eines zentralen Buch-Elements – des „nahezu lautlosen“ Antriebs von Roter Oktober – gefunden hätte, hatte Clancy selbst für dieses Ding, das in der Realität nicht existierte, Prototypen-Wissen zusammengetragen:

Clancy erklärte in einem Telefoninterview am Dienstag, sein im Buch als „Raupenantrieb“ bezeichneter fiktiver Antrieb sei ein mechanisches System, bei dem Elektromotoren Wasser durch das Schiff fördern, und habe nichts mit MHD-Technik zu tun.

Washington Post, 17. Juni 1992

Oder wie es der englische Wikipedia-Artikel zusammenfasst (und bei dem mein Kopf ausgestiegen ist):

In der Romanvorlage war der „Raupenantrieb“ der Roter Oktober ein Pumpjet in Form eines sogenannten Tunnelantriebs, wobei die Tunnel die Kavitation der Propeller akustisch abschirmen sollten.

Wer tiefer in die Materie Realität <-> Buch eintauchen möchte, findet in einem online teilweise einsehbaren Seminar namens „The Hunt for Red October – Fact and Fiction“ viele interessante Fakten. Unter anderem gibt Dr. Rosenberg einen kurzen Überblick über die Entwicklung der sowjetischen und der amerikanischen U-Boot-Verbände der 1950er bis 1990er Jahre. Ein wenig fühlt man sich als Leser wie Tom Clancy, wenn er Informationen zusammenträgt. Denn immer wieder ist die Rede davon, dass die veröffentlichten Informationen nicht mehr geheim seien. Keine Sorge, meine Damen und Herren, Sie dürfen das alles wissen.

Wer es vielleicht vergessen hat: Wir hatten im Kalten Krieg einen mächtigen Feind. Die Sowjetunion baute eine große Anzahl atomgetriebener U-Boote. Sie überraschten uns mit der Geschwindigkeit, mit der sie sie bauten. Sie überraschten uns in vielerlei Hinsicht mit der Qualität, mit der sie sie bauten.

Dr. David Rosenberg, 31. Oktober 2017

Diese Mischung aus technischen Details und vielen kleinen menschlichen Rädchen macht das Buch auch heute noch lesenswert. Auch wenn ich danach nicht direkt zum nächsten der 27 Jack-Ryan-Romane greifen werde: Die 480 Seiten waren sehr gute Unterhaltung, obwohl mich das Thema für gewöhnlich nicht interessiert.

Der Film

Der Produzent Mace Neufeld las das Buch Ende 1984 und war begeistert – dass Jagd auf Roter Oktober noch dazu das Lieblingsbuch von Ronald Reagan war, machte schnelles Handeln erforderlich:

Ich nahm Kontakt zu den Leuten auf, die Naval Institute Press vertraten, und bot ihnen ein bisschen Geld für eine Option auf das Buch an. Ich sagte: Ihr müsst den Deal schnell abschließen. Ich glaube, der Agent hatte noch nie das Time Magazine gelesen und wusste deshalb nicht, dass dies Reagans Lieblingsbuch war. Also bestand ich darauf, dass er den Vertrag so schnell wie möglich abschließt. Wir machten den Deal noch am Ende derselben Woche.

Mace Neufeld (PDF Seite 39)

Eine Option ist natürlich noch kein finanzierter Film. Er schlug Roter Oktober zuerst MGM vor, doch die Filmfirma lehnte ab – wie auch jedes andere Studio. Der Durchbruch gelang Neufeld, als er den Paramount-Pictures-Chef Ned Tanen überreden konnte, statt einer Zusammenfassung des Stoffs direkt das Clancy-Buch zu lesen. Er köderte ihn mit dem Versprechen, dass er das Thema nie wieder aufbringen würde, wenn Tanen das Buch nicht gefiele.

Es klappte. Nun musste nur noch die Navy davon überzeugt werden, den Film zu unterstützen:

Damals dreht ich einen Film mit dem Titel No Way Out. Wir drehten iim Keller des Pentagons, im kommerziellen Bereich. Der Film handelte von einem Marineoffizier, der sich als russischer Spion entpuppte.

Etwa zur gleichen Zeit bekam ich einen Anruf aus Washington, in dem es hieß, der Marineminister würde gerne mit mir über Roter Oktober sprechen. Wir saßen an einem großen Tisch: Zu meiner Rechten saß der Chef der U-Boot-Flotte – ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen. Der Marineminister war begeistert: „Wir würden diesen Film gern machen, was meinen Sie, Sir?“ Und der Chef der U-Boot-Flotte sagte: „Ich glaube: Eher nicht. Wir sind schließlich geheim.“

Mir rutschte das Herz in die Hose, weil ich wusste, dass ich einen Vertrag hatte, in dem stand, dass wir die Unterstützung der Navy brauchen würden. Und iauf gar keine Fall wollte ich, dass sie rauskriegen, dass wir gerade einen Film über einen Marineoffizier drehten, der sich als russischer Spion entpuppte.

Mace Neufeld (PDF Seite 40/41)

Wie die Situation aufgelöst wurde, erzählt Neufeld leider nicht. Doch irgendwann hatte er sein Budget zusammen und 1990 kam die Verfilmung des Stoffes ins Kino. In der Zwischenzeit hatte Tom Clancy vier weitere Romane geschrieben. In dreien davon spielt Jack Ryan eine größere Rolle. Kein Wunder also, dass sich der Film stärker als noch das Buch auf diese Figur konzentriert.

Die Regie wurde in die Hände von John McTiernan gelegt, der in den Jahren zuvor mit Predator und Stirb Langsam zwei erstklassige Actionfilme abgeliefert hatte, in denen sich Jäger und Gejagte belauern. Hauptkameramann war – wie beim Willis-Film – Jan de Bont, der einige Jahre später mit Speed selbst ins Regie-Fach wechselte.

Auch vor der Kamera tummelt sich ein Sammelsurium an talentierten Schauspielern. Hier ist das generische Maskulin völlig angebracht, da mir im ganzen Film keine einzige Frau aufgefallen wäre. Dafür Sean Connery (mit Toupet), Sam Neill, Tim Curry, Alec Baldwin, James Earl Jones und so weiter und so weiter. Schauen wir uns mal an, was die Herren auf die Leinwand zaubern.

Im November 1984 – kurz vor Gorbatschows Machtübernahme – tauchte südlich der Grand Banks ein sowjetisches U-Boot der Typhoon-Klasse auf. Dann sank es scheinbar in tiefen Gewässern. Anscheinend wurden einige Besatzungsmitglieder gerettet. Aber laut Berichten von sowohl sowjetischer als auch US-Seite hat alles, was Sie sehen werden, sich niemals ereignet.

Mit diesem pseudo-dokumentarischen Einstieg ist der Ton gesetzt. Der Zuschauer soll geheimer Zeuge des Kalten Krieges sein, was dem Film bis kurz vor Schluss auch gut gelingt. Natürlich ist die Handlung verdichtet und viele Handlungsstränge fallen runter, doch das Katz-und-Maus-Spiel auf diplomatischer, militärischer und menschlicher Ebene bleibt überraschend intakt. Persönlich fehlt mir die Motivation des sowjetischen U-Boot-Kapitäns Marko Ramius – vor allem, weil sie problemlos innerhalb einer Dialogminute in den Film hätte integriert werden können. Leser des Romans wissen hier mehr, während im Film ein Nebensatz mit dem Ansatz einer Erklärung verpufft.

Eine weitere kleine Änderung, die wohl dem Wortwitz geschuldet sein dürfte: Der Sonar-Spezialist Ronald Jones hört im Buch gerne Musik von Johann Sebastian Bach – eine Leidenschaft, die viele mathematisch begabte Menschen teilen. Im Film sind es die Werke von Niccolò Paganini – den der Kommandant des US-U-Boots USS Dallas ständig mit dem Tenor Luciano Pavarotti verwechselt. Nun ja.

Im Großen und Ganzen also ist der Plot gleich geblieben. Natürlich fehlen viele kleine Vignetten, die im Buch die Gefahr eines ausbrechenden Kriegs beschreiben. Wenn sich Piloten zu Provokationen hinreißen lassen, fehlt nur ein nervöser Zeigefinger.

Erst gegen Ende des Films nimmt sich die Geschichte größere Freiheiten und vereinfacht die Handlung extrem. Der komplizierte Buch-Plan, wie Roter Oktober in US-Hand gelangen soll, wird hier überhaupt nicht erwähnt und das Film-Finale sorgt zwar für Spannung, aber auch für Kopfkratz-Momente, weil ein bis zwei Zufälle zu viel im Spiel sind. Und dass der einfache Analytiker Jack Ryan in einer Szene wie zwei Jahre zuvor John McLane aus Stirb Langsam mit einer Waffe in der Hand auf dem Bauch liegend in einem Kabelschacht kraxelt… Nun, kann man machen. Sollte man aber nicht.

Die filmische Umsetzung fährt großes Geschütz auf: Wie man im Making-of-Video schön sehen kann, wurde die komplette obere Seite der Roter Oktober gebaut, ein echtes U-Boot führt ein Not-Auftauch-Manöver durch und auch die Modell-Schiffe sind in ihrer Größe nicht zu verachten. Noch beeindruckender: Nachdem die Firma Boss Film Studios die Modelle gebaut hatte, hatte sie Schwierigkeiten mit den eigentlichen Kamera-Aufnahmen. Die Produktion samt der Modell-Boote wurde kurzfristig an ILM gegeben, die in gerade mal drei Monaten die 50 Effektaufnahmen herstellten. Hier ein schöner Artikel dazu mit vielen Making-Of-Bildern.

Ähnlich gelungen wie die Trickaufnahmen ist die Szene, in der von Russisch auf Englisch gewechselt wird: Anfangs sprechen die Besatzungsmitglieder der Roter Oktober in ihrer Muttersprache miteinander. Bis die Kamera auf das Gesicht des Politoffiziers Iwan Putin zufährt, während er einen begeisterten Monolog hält. Dabei wechselt er nahtlos die Sprache – und auch alle anderen Russen wechseln auf Englisch. Das funktioniert wunderbar – und ist ehrlich gesagt besser, als das offensichtlich nicht lupenreine Russisch mit Untertiteln durchzuziehen.

Jagd auf Roter Oktober hat mir auch als Film größtenteils sehr gut gefallen. Es ist eine gelungene, natürlich verschlankte Adaption, die von ihrer Klaustrophobie lebt. Der Film zieht im Vergleich zum Buch das Tempo an, bleibt aber über weite Teile ruhig genug erzählt, um die Figuren wirken zu lassen. Was sich die Drehbuchschreiber allerdings beim Action-Ende gedacht haben, ist mir ein Rätsel. Nicht nur wird der Antagonist zuvor in keinster Weise eingeführt (außer, dass er in einer Szene leicht verschlagen an der Kamera vorbeischaut), auch ist die schon im Buch aufgepropft wirkende Stelle hopplahopp inszeniert. Dafür gehören die neu eingefügten Reaktionen der sowjetischen Crew auf die Ereignisse zu den lustigsten, aber nicht albernen Szenen des Films.

Wer nun Lust darauf hat, sich eine kleine Devotionalie zum Film zu gönnen: Leider knapp vorbei. Bereits 2011 kamen die Uniform von Sean Connery, ein großes Hammer-und-Sichel-Emblem und vor allem das 6,4-Meter-lange Modell der Roter Oktober unter den Hammer (hier auf Seite 305 bis 307). Leider habe ich keinen endgültigen Verkaufspreis gefunden. Veranschlagt war das Modell mit 20.000 bis 30.000 Dollar. Aber die Chance kommt bestimmt irgendwann wieder.

Das erste Spiel (1987)

1987 erschien das erste Computerspiel zum Buch und setzte auf ein vergleichsweise nüchternes Konzept: Der Spieler steuert das U-Boot auf einer Seekarte durch offene See, weicht feindlichen Einheiten aus und versucht, unentdeckt das Zielgebiet zu erreichen. Dies alles in einer stark abstrahierten Darstellung mit Buchstaben und Zahlen. Ja, wir befinden uns in einer Art Simulationsspiel.

Feindliche Schiffe werden mit einfachen Symbolen auf der Karte angezeigt und Sonar-Reichweiten durch Kreise markiert. Wer zu schnell oder zu geradlinig unterwegs ist, wird entdeckt und gnadenlos verfolgt. Nur mit Geduld und vorsichtigen Manövern hat der Spieler eine Chance, amerikanische Gewässer zu erreichen. Das war für Mitte der 1980er immer noch ein ungewöhnlicher Ansatz. Bis dahin waren nur wenige U-Boot-Simulationen wie Gato oder Silent Service erschienen und die meisten Spiele konzentrierten sich auf Action-Aspekte. The Hunt for Red October wollte aber, dass man erst überlegt, bevor man ein klein wenig an den Stellschrauben dreht.

Inhaltlich lehnt sich das Spiel nur lose an Roman und Film an. Figuren wie Jack Ryan spielen keine Rolle, Dialoge oder erzählerische Zwischensequenzen fehlen komplett. Die Flucht der Roter Oktober wird auf ein reines Versteckspiel reduziert, bei dem der Spieler ständig zwischen Risiko und Sicherheit abwägen muss. Wage ich mich weiter vor? Oh nein, das war zu viel!

Gerade diese Reduktion macht das Spiel rückblickend interessant: Es ist weniger eine Adaption der Geschichte als vielmehr eine spielbare Illustration der zentralen Idee – ein einzelnes U-Boot, das sich durch ein feindliches System schleicht. Die Haupt-Interaktionen beschränken sich auf Richtungswechsel, Temporegulierung und gelegentliches Abtauchen.

Zusätzlich liefert die Packung noch die Silhouetten aller Schiffe mit, die sich auf den Weltmeeren so rumtreiben. Entdeckt der Spieler eines, sollte er das Spiel pausieren, das Schiff identifizieren und anhand der gewonnenen Kenntnisse normalerweise das Weite suchen.

Die Bedienung ist minimalistisch gehalten. Gesteuert wird ausschließlich über Tastatur oder Joystick, wobei der Spieler im Kern nur Kurs und Geschwindigkeit festlegt. Es gibt keine komplexen Menüs, keine frei belegbaren Systeme oder einzelnen Stationen wie in späteren Simulationen. Der Spieler denkt weniger in technischen Details als in Bewegungsmustern und Fluchtwegen.

Da kaum direkte Eingriffe möglich sind, kann jede Kurskorrektur ein fataler Fehler sein. Und ein solcher lässt sich selten korrigieren: Wer einmal in die Reichweite feindlicher Sonare gerät, hat oft nur noch die Wahl zwischen riskanten Manövern oder dem langsamen, unausweichlichen Scheitern. Die Bedienung zwingt den Spieler damit zu einer fast meditativen Spielweise: Beobachten, abwarten, minimal reagieren – ganz im Sinne eines lautlosen, unsichtbaren U-Boots auf der Flucht.

Doch was ich gerade über das Spiel geschrieben habe, ist größtenteils Wissen aus zweiter Hand. Zwar habe ich versucht, ins Spiel zu kommen, gelungen ist es mir aber nie. Trotz Anleitung habe ich unkontrolliert an den wenigen Stellschrauben gedreht und die Schaltflächen angeklickt, ohne sie wirklich zu verstehen. Deshalb habe ich den hübschesten, allerdings nicht den jüngsten der Pretty Old Pixel – Alexander – gebeten, seine Einschätzung zum Spiel beizusteuern:

Als begeisterter Leser der englische Erstausgabe von Tom Clancys „The Hunt for Red October“ war das Spiel ein Pflichtkauf für meinen Amiga. Die Faszination des Spiels liegt darin, während des kalten Krieges in die Rolle von Kapitän Ramius zu schlüpfen und das Atom-Uboot mit dem neuartigen Caterpillar-Antrieb heimlich quer über den Atlantik sicher in einen amerikanischen Hafen zu steuern. Und hierfür benötigt man Geduld, sehr viel Geduld. Ein zu forsches Vorgehen führt unweigerlich zur Vernichtung durch die sowjetische Flotte. Wer sich jedoch auf das gemächliche Tempo einlässt, wird belohnt – besonders, wenn man das Spiel nebenbei laufen lässt, während man seine Hausaufgaben erledigt.

Alexander

Das zweite Spiel (1990)

Passend zum Filmstart wechselt dieses Spiel von Grandslam Interactive das Genre. Hier geht es nicht mehr um möglichst lautlose Fahrten oder um vorsichtiges Taktieren. Den Walen und Fischen dieser Gewässer dürften die Ohren klingeln bei der Größe der Flottenverbände und all den abgefeuerten Waffen.

In zwei langen Unterwasser-Missionen darf der Spieler mit äußerst agilen U-Booten gegnerische Schiffe, Torpedos und Seeminen pulverisieren, ohne dabei in den engen Leveln die Ränder der Route zu touchieren. Eingerahmt werden diese Missionen durch vier kurze Action-Sequenzen: Zuerst muss sich Jack Ryan vom Hubschrauber bei windigem Wetter auf die USS Dallas abseilen. Gelingt dies nicht, verliert der Spieler direkt mal sein erstes Leben.

Nach dem Dallas-Tauchgang koppelt Ryan mit einem Mini-U-Boot an der Roter Oktober an und muss dann mit klassischen Joystick-Geruckel wie weiland bei den Winter- und Sommer-Spielen die Luke öffnen. Zwei Minispiele hintereinander also, bevor Ryan nun mit der Roter Oktober amerikanisches Gewässer erreichen muss.

Mit welchem Boot Ryan unterwegs ist, ist graphisch übrigens komplett egal. Die USS Dallas und die angeblich viel größere Roter Oktober mit ihrem phantasischen neuen Antrieb sehen völlig gleich aus und steuern sich auch entsprechend: Je nach System mal mehr, mal weniger gut.

Zuletzt kommt es zum großen Showdown mit dem Mannschaftsgrad-Spion, der sich bei den Torpedos verschanzt und die Dinger zur Explosion bringen möchte. Dieser Abschnitt läuft klassisch ab: Im vorderen Bereich des Bildschirms steht Ryan, der ein Fadenkreuz über den Bildschirm steuert und darauf wartet, dass sich sein Gegner aus der Deckung traut. Dieser hat sich hinter einigen Röhren versteckt und schafft es irgendwie immer wieder, von der einen auf die andere Seite zu wechseln, ohne auf den freien Bereich in der Mitte treten zu müssen. Nun ja: Einige Treffer später ist die Gefahr gebannt. Jubel, Trubel, Heiterkeit! The Land of the Free ruft und die Russen antworten.

Das dritte Spiel (1990)

Im gleichen Jahr 1990 erschien The Hunt for Red October auch für die drei Nintendo-Konsolen NES, SNES und Game Boy. Entwickelt von Beam Software – beziehungsweise die SNES-Version von Riedel Software Productions – legt auch dieses Spiel keinen großen Wert auf den Simulations-Aspekt. Auch wenn sich das in der Anleitung anders liest:

Die Reise in die Freiheit führt die Roter Oktober durch verschiedene Ozeane und deren einzigartiges Terrain. Du musst Treibstoff, Tarnung, Waffen und Verteidigung strategisch ausbalancieren, während du dich den Herausforderungen der See und der unerbittlichen Roten Flotte stellst.

Als hoch erfahrener Marineoffizier weißt du, dass deine Flucht die ultimative militärische Bewährungsprobe für dich, deine Besatzung und die Roter Oktober sein wird. Du musst unbemerkt den stark gesicherten sowjetischen Hafen verlassen. Du darfst nicht in Reichweite der sorgfältig platzierten Sonarbojen geraten, sonst kann der Feind deine Position dauerhaft verfolgen.

Schließlich erreichst du das Korallenriff. Doch Vorsicht! Die Sowjets haben viele Flugzeugträger und Stützpunkte in der Nähe stationiert. Die engen Höhlen zu überleben wird fast unmöglich sein – besonders mit der Roten Flotte dicht hinter dir. Noch beängstigender sind die Tiefseegräben. Wenn du in diesen manövrierst, wird das Ausweichen vor dem Feind eine enorme Leistung sein, selbst für die schwer aufzuspürende Roter Oktober.

Viel Glück, Kapitän.

NES-Anleitung

Und schon geht es los. Die Weiten des Ozeans weichen zu Beginn einem äußerst engen und verwinkelten Korridor zwischen Felswänden. Kollisionen mit diesen sollte die Roter Oktober ebenso vermeiden wie Seeminen oder gegnerische Schiffe. Verteidigen kann sich das U-Boot mit Torpedos, die horizontal verschossen werden und mit Missiles, die nach oben oder unten schwimmen. Noch besser: Die Waffen können mit aufgesammelten Extras verbessert werden und sind in der letzten Ausbaustufe zielsuchend – eine sehr große Erleichterung. Allerdings ist der jeweilige Munitionsvorrat beschränkt. Wer nicht rechtzeitig neue Waffen einsammelt, bekommt ein Downgrade auf die nächsttiefere Stufe und hat im schlimmsten Fall keine Munition mehr übrig.

Die Roter Oktober ist überraschend flink im Wasser und taucht fröhlich vor und zurück, während sie sich der Freiheit entgegen kämpft. Falls eine Gegner-Horde Schwierigkeiten verheißt, kann der Spieler für einige Sekunden auf den Raupen-Antrieb umschalten, der eine Art Unsichtbarkeits-Modus ist und dafür sorgt, dass Lenkraketen nicht mehr auf die Roter Oktober zusteuern und gegnerische Kräfte ihr Feuer einstellen. Bis die Zeit abgelaufen ist und sich unser U-Boot wieder der Realität stellen muss.

Jack Ryan springt im Spiel wie im Film mit dem Fallschirm ab und sollte von Roter Oktober eingesammelt werden. Also: Vermutlich ist das Jack Ryan. Und Ryans Frau, sein Schwager, seine Tochter und eventuell noch der Milchmann. Eine Erklärung für die vielen Fallschirmspringer, die im Korallen-Abschnitt ständig aufs Neue vom Himmel schweben, bekommen wir jedenfalls nicht.

Der Schwierigkeitsgrad auf dem NES ist enorm. Daher dürften die wenigsten Spieler jemals gesehen haben, dass die Roter Oktober am Ende des Wasserabschnitts noch flugs einen Flugzeugträger versenkt – nur um dann mit der Bildschirm-Warnung „Sabotage!“ in ein völlig anderes Spiel katapultiert zu werden. Nun läuft Kapitän Ramius durch den überraschend geräumigen Maschinenraum und entschärft abschnittsweise Bomben. Aufhalten wollen ihn dabei mehrere gleich aussehende Kerle, die noch dazu bewaffnet sind. Gut, dass Ramius zurückschießt. Fragt sich nur, wo Jack Ryan abgeblieben ist, in dessen Aufgabenbereich dieser Abschnitt ja eigentlich fallen müsste.

Dieser Kampf-Abschnitt fehlt in der Fassung für den Game Boy, die ansonsten nahe an die NES-Version angelehnt ist. Die Roter Oktober ist hier gemächlicher unterwegs, doch die Aufgaben bleiben identisch – und damit auch der Schwierigkeitsgrad.

Wie das Geschehen auf dem Bildschirm noch mit dem aus dem Film übernommenen Einleitungstext (Wir erinnern uns: „Im November 1984 – kurz vor Gorbatschows Machtübernahme – tauchte südlich der Grand Banks ein sowjetisches U-Boot der Typhoon-Klasse auf. Dann sank es scheinbar in tiefen Gewässern. Anscheinend wurden einige Besatzungsmitglieder gerettet. Aber laut Berichten von sowohl sowjetischer als auch US-Seite hat alles, was Sie sehen werden, sich niemals ereignet.“) zusammen passen soll, ist den Machern offensichtlich egal. Was bleibt, ist ein Lizenzspiel, das zwar keine offensichtlichen Fehler hat – aber eben auch nichts Besonderes bietet.

Abwechslungsreicher zeigt sich die SNES-Fassung, die 1993 erschien. Neben der U-Boot-Fahrt von links nach rechts samt all der Ballerei auf andere Schiffe weicht das Spiel die Geschichte rund um die Flucht aus sowjetischen Gewässern noch weiter auf: Zu Beginn der Level gibt uns das Spiel Einsatzbefehle wie „Eskortiere das Passagierschiff voller V.I.Ps sicher zu seinem Bestimmungsort“. Das Handbuch bemüht sich erst gar nicht, diese Aufträge irgendwie erklären zu wollen. Und so ist es kein Wunder, dass die Roter Oktober zuletzt sogar zurück in die UdSSR fährt, um einen demokratischen Aufstand zu beenden und 80 Jahre Kommunismus beiseite zu wischen…

In den erwähnten Seit-Scroller-Abschnitten agiert das Boot wieder überraschend agil für so einen 40.000-Tonner im Wasser. Und wenn der Entwickler schon auf Physik pfeift, benennt er den Raupen-Antrieb noch flugs in „Caviation Drive“ um, wobei die namensgebende Kaviation das genaue Gegenteil eines flüsterleisen Antriebs darstellen würde. Kavitation ist das Entstehen und plötzliche Zusammenfallen von Dampfblasen in einer Flüssigkeit, wenn der Druck sehr stark sinkt und danach wieder steigt – dabei entsteht ein sehr lautes, knatterndes oder knallendes Geräusch, das sogar Metall beschädigen kann. Aber das passt zu den auch hier ständig hin- und herfliegenden Torpedos und Missiles.

Zusätzlich bietet die SNES-Fassung Abschnitte, in denen der Spieler quasi durch das Periskop schaut und aus dieser Perspektive die Gegner vom Himmel oder aus dem Wasser fegt. Und während die anderen Passagen mit dem regulären Controller gesteuert werden, kann man hier alternativ zum Super Scope greifen.

Diese formschöne Lightgun in Panzerfaust-Optik war im wahrsten Sinne des Wortes ein Rohrkrepierer. Gerade einmal 12 Spiele unterstützen das Gerät überhaupt – und sechs davon funktionieren alternativ genauso gut mit dem SNES-Controller. Vermutlich sogar besser, denn im Eifer des Gefechts dürfte die Zielerei nicht trivial gewesen sein. Und das zusätzlich zum sowieso schon hohen Schwierigkeitsgrad, den auch diese SNES-Fassung von Haus aus mitbrachte.

Wie spaßig es gewesen sein mag, bei Jagd auf Roter Oktober zwischen Controller und Super Scope zu wechseln, ist eine interessante Überlegung. Ebenso die Frage, ob viele Spieler dieses Erlebnis überhaupt ausprobieren konnten: Offizielle Verkaufszahlen für die Lightgun gibt es nicht, doch die damit ge-bundelte Spielesammlung Super Scope 6 hat sich um die 1,65 Millionen mal verkauft. Pi mal Daumen dürfte dies der Super-Scope-Population entsprechen. Die Geräte werden heute zwischen 100 und 150 Euro gehandelt, funktionieren allerdings – wie andere Lightguns auch – nicht auf modernen Fernsehern. Das Stück Plastik macht sich aber natürlich gut in der Wohnzimmer-Vitrine, wenn Besuch kommt.

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Über Jürgen

Geschichts- und Musik-Liebhaber mit einer Schwäche für viel zu lange Computerspiele. Der Werdegang CPC - Pause - PC und Konsolen sorgt dafür, dass ich noch so viele schöne alten Perlen entdecken darf.

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