AGS-Remakes #1: King’s Quest

Seit 20 Jahren werkeln Fans mit viel Enthusiasmus in ihrer Freizeit an kostenlosen Remakes von Adventure-Klassikern. Die meisten entstanden mit der AGS-Engine. Hier beleuchten wir die King’s-Quest-Serie.

Manche Dinge altern einfach nicht gut. Dies gilt selbstverständlich nicht für die Leser dieses Artikels, aber durchaus für manche Adventure-Klassiker aus den Anfangsjahren des Genres. Das haben auch viele Fans der AGS-Community bemerkt und bereits vor 20 Jahren damit begonnen, schlecht gealterten Titeln einen neuen Anstrich zu verpassen. Gerade die Spiele von Sierra On-Line scheinen Verbesserungsbedarf geweckt zu haben, denn von ihnen gibt es mit Abstand die meisten Fan-Remakes. Und sogar heute noch erscheinen mit AGS erstellte Neuauflagen. Werfen wir also einen Blick zurück auf die AGS-Adventure-Remakes der letzten 20 Jahre. In diesem Artikel beschränke ich mich zunächst auf Remakes von King’s-Quest-Spielen, aber Remakes weiterer Sierra-Spiele sowie der Konkurrenz werden demnächst auch noch beleuchtet.

King’s Quest 1 – Quest for the Crown

Die ersten vier Teile der King’s Quest-Serie sind offenbar eine besondere Quelle der Inspiration für Fan-Remakes. Sie gelten zwar als Adventure-Meilensteine der 1980er Jahre, begehen aber leider viele Design-Todsünden, die die Spieler auch damals schon zum Verzweifeln brachten. Beispiele? Pixel-Hunting, Sackgassen, unvorhersehbare Tode, unlogische Rätsel, unsichtbare Timer, zufallsbasierte Ereignisse, …

Das originale King’s Quest 1 – Quest for the Crown aus dem Jahr 1984 war das erste Spiel mit der AGI-Engine (Adventure Game Interpreter) von Sierra und unter anderem deshalb ein Meilenstein, weil man seine Spielfigur erstmals durch eine grafische Welt steuern konnte. Allerdings war das Spiel noch weit weg von einer komfortablen Point-and-Click-Steuerung. Damals musstet ihr Sir Graham noch per Pfeiltasten durch das Königreich Daventry steuern und die Befehle wie in einem Text-Adventure per Tastatur eintippen. Sierra hat sich 1990 dann selbst an einer Neuauflage von King’s Quest mit neuen EGA-Grafiken und der damals aktuellen SCI-Engine (Sierra Creative Interpreter) versucht, aber ansonsten nicht viel an dem Spiel verbessert. Eine Fan-Gruppierung namens “Anonymous Game Developers Interactive”, kurz AGDI, zeigte im Jahr 2001, wie man es besser macht und veröffentlichte das erste von Fans erstellte Adventure-Remake überhaupt. Die beiden Ursprungsmitglieder von AGDI, Britney Brimhall und Christopher T. Warren (damals noch als “Anonymous Game Developer #1” und “Anonymous Game Developer #2” unterwegs), arbeiteten anfangs als Zweier-Team an dem Remake.

Das ursprüngliche Ziel der beiden war zu lernen, wie man ein Spiel erstellt und vor allem auch fertigstellt. Die Erfahrungen nahmen sie in die später von ihnen gegründeten Himalaya Studios mit und brachten unter anderem die kommerziellen Point-and-Click-Adventures Al Emmo and the Lost Dutchman’s Mine und Mage’s Initiation- Reign of the Elements heraus. Als also im August 2001 die erste Version des King’s-Quest-Remakes erschien, bot es bereits komplett neu erstellte Grafiken, Animationen, Musik und Sprachausgabe. Über die Jahre sind weitere Teammitglieder zu AGDI hinzugestoßen, die das Spiel immer weiter verbessert haben. Die derzeit aktuellste Version “4.1 Enhanced Edition” ist 2010 erschienen und wurde bis zu diesem Zeitpunkt fast 500.000 mal heruntergeladen. Die neuen Features sind zum Beispiel die Möglichkeit, zu Beginn des Spiels alle Sackgassen abzuschalten, weiter optimierte Grafiken, digitale Neuaufnahmen der Musik, Sprachausgabe unter anderem vom Original-Graham-Sprecher Josh Mandel aus späteren King’s-Quest-Spielen, komplett vertonte Sprechertexte und und und…

Leider wurde mit Version 4 auch die Unterstützung für Übersetzungen gestrichen, sodass ihr das Spiel nur noch auf englisch spielen könnt. Dafür ist es sowohl für Windows als auch MacOS auf der Homepage von AGDI zum Download verfügbar.

King’s Quest 1 – Quest for the Crown: oben das Original (1984), unten das SCI-Remake (1990), im Hintergrund das Fan-Remake (2001).

King’s Quest 2 – Romancing the Throne

Bereits ein Jahr später, im Dezember 2002, schlug AGDI erneut zu und veröffentlichte das Remake zu King’s Quest 2 – Romancing the Throne, das Sierra im Jahr 1985 ebenfalls auf Basis der AGI-Engine herausgebracht hatte. Auch im zweiten Teil der Serie steuert ihr Graham, mittlerweile König von Daventry, mittels Tastatur durch das märchenhafte Land Kolyma, um seine zukünftige Königin zu befreien. Da Sierra mit dem SCI-Remake vom ersten Teil keinen finanziellen Erfolg hatte, wurde der zweite Teil auch nicht offiziell erneut aufgelegt. Dafür sprang also AGDI in die Bresche und verpasste dem Klassiker eine Generalüberholung. Diesmal beließ man es aber nicht bei der äußerlichen Aufhübschung von Grafik, Musik und Sprache – nein, man traute sich auch an die inneren Werte des Spiels, also etwa die Story zu erweitern, die Charaktere stärker auszuarbeiten und die Puzzles zu verbessern. Wie schon beim Remake des ersten Teils erschienen mehrere, immer weiter verbesserte Versionen des Spiels bis ins Jahr 2010 hinein. Bis dahin zählte AGDI über 500.000 Downloads. 

Auch hier wurde der Support für Übersetzungen mit der letzten Version eingestellt, sodass ihr das Spiel nur in englischer Sprache bei AGDI herunterladen könnt, dafür aber auch wieder für Windows und MacOS.

King’s Quest 2 – Romancing the Throne: unten das Original (1985), im Hintergrund das Fan-Remake (2002).

King’s Quest 3 – To Heir is Human

Im Jahr 1986 ging Sierra mit King’s Quest 3 – To Heir is Human einen neuen Weg mit ihrer Erfolgsserie. Ihr befindet euch diesmal nicht mit König Graham in Daventry, sondern schlüpft in die Rolle des Jungen Gwydion, der vom Magier Manannan als Sklave gehalten wird. Wenn ihr nun vermutet, dass AGDI als nächstes ein Remake zum dritten Teil der Reihe erstellt hat, liegt ihr nicht ganz richtig. Denn zunächst einmal tritt eine neue Fangruppe auf den Plan: Infamous Adventures, bestehend aus Shawn Mills und Steven Alexander, bringen 2006 ihr Erstlingswerk unter dem Namen King’s Quest 3 VGA Remake unter die Leute. Ähnlich wie zuvor AGDI bei ihrem Debüt haben sich Infamous Adventures hier auf neue Grafiken, Musik und Sprache konzentriert. Als Bonus gibt es ein alternatives Ende für alle, die eine perfekte Punktzahl erreicht haben. Ihr könnt diese komplett auf englisch erschienene Version kostenlos bei itch.io für Windows und MacOS herunterladen. Einige Jahre später gründeten die beiden das Studio Infamous Quests und veröffentlichten ebenfalls wie ihre Vorgänger von Himalaya kommerzielle Point-and-Click-Adventures, zum Beispiel Quest for Infamy und Order of the Thorne – The King’s Challenge.

Allerdings ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende, denn fünf Jahre nach dem King’s Quest 3 VGA Remake, im Jahr 2011, tauchten wie aus dem Nichts plötzlich AGDI mit einem eigenen Remake von King’s Quest 3 auf. Sie hatten zuvor im Jahr 2008 noch ein anderes Spiel, das später noch Erwähnung findet, herausgebracht und dann heimlich, still und leise und ohne große Vorankündigung King’s Quest 3 Redux veröffentlicht. Und diese Neuinterpretation hatte es in sich: Ein komplett neues Point-and-Click-Interface, handgezeichnete Hintergründe und Charakterportraits, neue Side-Quests, Charaktere und Rätsel, sowie eine neue Vertonung. Damit hatte AGDI, mittlerweile ein Team von über 20 Mitarbeitern, sein Meisterwerk und zugleich auch bisher letztes Spiel abgeliefert. Auch hier gilt: nur englische Sprache, Download für Windows und MacOS bei AGDI.

Noch eine kleine Randnotiz: der niederländische Entwickler Pieter “Radiant” Simoons, Gründer des Indie-Studios Crystal Shard, hatte ebenfalls ein Remake unter dem Namen King’s Quest 3+ geplant. Als er davon Wind bekam, dass bereits ein anderes Remake in der Mache war, hatte er zunächst dieses Projekt unterstützt. Schlussendlich entschied er sich aber dazu, den Fokus auf die Entwicklung seines eigenen kommerziellen Titels A Tale of Two Kingdoms zu legen.

King’s Quest 3 – To Heir is Human: oben das Original (1986), unten das VGA-Remake (2006), im Hintergrund die Redux-Version (2011).

King’s Quest 4 – The Perils of Rosella

Mit King’s Quest 4 – The Perils of Rosella wechselte die Serie 1988 nicht nur die Engine von AGI auf SCI und damit auch die Bildschirmauflösung von 160×200 auf 320×200 Pixel, sondern auch zum ersten Mal auf einen weiblichen Hauptcharakter. In der Rolle von Prinzessin Rosella sucht ihr nach einer magischen Frucht, um euren Vater König Graham von einer tödlichen Krankheit zu heilen. Dies ist das einzige Spiel der Serie, bei dem im Hintergrund ein unsichtbarer Timer abläuft. Ihr müsst euch also beeilen, sonst erwartet euch der Bildschirmtod. Nicht nur diese Design-Entscheidung ist umstritten – wie es sich für die Serie gehört, gilt es, auch noch viele weitere Adventure-Todsünden zu umschiffen. Abhilfe verschafft seit diesem Jahr der AGS-User DrSlash, der mit seinem Ein-Mann-Projekt King’s Quest 4 – The Perils of Rosella Retold genau diese Dinge aus dem Spiel entfernt und Komfortfunktionen hinzufügt, um es damit auch für moderne Spieler genießbar zu machen. Der Flair des Klassikers bleibt dabei erhalten, denn die Präsentation wurde nur leicht angepasst. Den kostenfreien Download in englischer Sprache für Windows, Linux und MacOS findet ihr in der AGS-Datenbank.

Tatsächlich war DrSlash nicht der erste King’s-Quest-Fan, der an einem Remake des vierten Teils gearbeitet hat. Ein Beispiel ist der AGS-User Nightfable, der mit dem Indie-Studio Westend Games 2012 sich ebenfalls an einem VGA-Remake versuchte. Später entschloss er sich unter anderem aus Zeitmangel dazu, das Projekt abzubrechen. Einige Screenshots und ein kurzes Statement findet ihr dazu noch in diesem King’s Quest Fan-Wiki.

Nachdem sie zuvor mit Magic Mirror Games an gleich zwei eingestellten Remakes zu King’s Quest 4 gearbeitet hatte, gab AGS-Userin Karen S. Anfang 2012 zusammen mit dem Indie-Studio Unicorn Tales die Arbeit an einem weiteren King’s-Quest-4-Remake bekannt. Der Look des Spiel entfernte sich mit den 3D-gerenderten Grafiken allerdings sehr stark vom Pixel-Original. Leider verstarb Karen S. Ende 2013 unerwartet und hinterließ als Projektleiterin und Grafikerin eine Lücke, die Unicorn Tales bis heute nicht vollständig schließen konnten. Der letzte Eintrag auf der Homepage stammt von 2019, bisher ist eine Demoversion zum Download für Windows erschienen.

Neben den acht offiziellen King’s-Quest-Teilen, die bis 1998 erschienen sind, existiert auch noch eine Neuinterpretation in Form eines fünfteiligen Episoden-Adventures aus dem Jahr 2015. Das Studio The Odd Gentleman hat hier aus meiner Sicht durchaus gute Arbeit abgeliefert. Dies war allerdings auch das bisher letzte Spiel der Serie.

King’s Quest 4 – The Perils of Rosella: Retold-Version mit Point-and-Click-Steuerung (2021).

Fazit und Vorschau

Anhand der Vielzahl der Remakes und der Qualität mancher Spiele erkennt man deutlich den Einfluss, den Sierra On-Line damals auf den Adventure-Markt hatte. Auch wenn sie ihre Macken hatten, waren sie doch äußerst beliebt und haben viele Entwickler inspiriert, ihre eigene Vision der Spiele zu verwirklichen. Dank dieser Remakes können Fans auch heute noch ein Stück Adventure-Geschichte nachholen, ohne sich mit Design-Todsünden herumschlagen zu müssen. Alle oben genannten Remakes konnten problemlos bei der Erstellung dieses Artikels heruntergeladen und unter Windows 10 gestartet werden. Wenn ihr Erinnerungen an die vorgestellten Spiele – sei es Original oder Remake – oder generell Anmerkungen zu diesem Artikel habt, würde ich mich über Kommentare freuen. Beim nächsten Mal stelle ich euch die AGS-Remakes anderer Sierra-Serien vor. Zum Abschluss findet ihr unten Screenshots von den kommerziellen Werken der oben erwähnten AGS-Remake-Entwickler (von oben links an): Al Emmo and the Lost Dutchman’s Mine, Quest for Infamy, Order of the Thorne – The King’s Challenge und Mage’s Initiation- Reign of the Elements.

Kommerzielle Adventures von AGDI (Himalaya Studios) und Infamous Adventures (Infamous Quests).

(Dieser Beitrag erschien zuerst am 26. Juni 2021 auf GamersGlobal)

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Adventure-Fan aus dem Ruhrpott, groß (aber nicht erwachsen) geworden mit den SCUMM-Adventures in den 1990er Jahren. Spürt immer wieder kleine Indie-Perlen auf und zerrt sie ans Tageslicht.

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