AGS-Remakes #2: Sierra

Das Adventure-Vermächtnis von Sierra ist ein gefundenes Fressen für Fan-Remakes. Welche Spiele sich die AGS-Community daraus vorgeknöpft hat, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Im ersten AGS-Remakes-Artikel haben wir die Neuauflagen der King’s Quest-Reihe von Sierra On-Line (oder kurz Sierra) näher betrachtet. Die verantwortlichen Fan-Gruppierungen wie etwa “Anonymous Game Developers Interactive” (AGDI) und “Infamous Adventures” werden auch in diesem Artikel eine Rolle spielen. Während es sich hier noch ausschließlich um AGS-Remakes von Sierra-Adventures dreht, sehen wir uns in späteren Artikeln aber auch noch Remakes anderer Studios an.

Space Quest

Die beiden Entwickler Scott Murphy und Mark Crowe (auch bekannt als “Two Guys from Andromeda”), die zuvor schon unter anderem an King’s Quest 2 mitarbeiten durften, haben mit Space Quest – The Sarien Encounter im Jahr 1986 ihr erstes eigenes Projekt für Sierra auf die Beine gestellt. Die Science-Fiction-Parodie mit dem Weltraum-Hausmeister Roger Wilco, technisch vergleichbar mit den ersten drei King’s-Quest-Teilen, entwickelte sich zu einem Verkaufsschlager und bekam von Sierra daher nicht nur einige Nachfolger spendiert, sondern 1991 auch ein Remake, bei dem die Grafik auf VGA-Niveau gehoben wurde. Die Steuerung wurde auf Point-and-Click umgestellt und der Sound unterstützte nun Soundblaster und Roland MT-32.

Die Verkaufszahlen des Remakes waren Sierra wie schon zuvor beim Remake von King’s Quest zu niedrig, sodass Space Quest 2 – Vohaul’s Revenge aus dem Jahr 1987 keine Neuauflage von offizieller Stelle bekam. Waren es bei King’s Quest 2 noch AGDI, die hier für Abhilfe sorgten, kümmerten sich in diesem Fall Infamous Adventures darum. Insgesamt fünf Jahre arbeiteten die beiden Entwickler an ihrem zweiten Spiel nach dem King’s Quest 3-VGA-Remake und verpassten dem Original ein komplettes Makeover mit neuen VGA-Grafiken, Point-and-Click-Steuerung und Sprachausgabe. Es erschien schließlich 2011 und wurde nicht nur von den Fans, sondern auch von den ursprünglichen Entwicklern sehr gut aufgenommen. Trotzdem eine Warnung: Tode gibt es noch reichlich im Spiel, also ist wie anno dazumal häufiges Speichern und Laden angesagt. Die aktuelle Version 2.0 aus dem Jahr 2019 könnt ihr für Windows, Linux und MacOS auf englisch bei itch.io herunterladen.

Space Quest 2 – Vohaul’s Revenge: Unten das Original (1986), im Hintergrund das Fan-Remake (2011).

Bisher sind noch keine weiteren Fan-Remakes aus der AGS-Community zur Space-Quest-Reihe erschienen. Mehrere Neuauflagen des dritten Teils waren in Arbeit, wurden aber eingestellt. In der Space-Quest-Fan-Wiki könnt ihr euch einen Eindruck von dem Projekt von Dogma Day Games verschaffen. Mit etwas Glück und Geduld bekommen Space-Quest-Fans aber vielleicht doch noch ein Remake von Space Quest 3 – Die Piraten von Pestulon: Im Juli 2021 gab AGS-Userin Nina “SlashNina” Shanafelt in einem AGS-Forumsbeitrag bekannt, dass sie ebenfalls an einem Space-Quest 3-Remake arbeitet. Das Projekt entstand eher zufällig: Shanafelt gefiel die Farbgebung der damaligen Fanprojekte nicht und erstellte deshalb selbst ein paar Hintergründe. Der Youtuber Troels “Space Quest Historian” Pleimart wurde darauf aufmerksam und begann, die Hintergründe zu einer Demo zusammenzusetzen. Jetzt soll aus dem Projekt ein fertiges Spiel werden, weshalb sich Shanafelt an die als äußerst hilfsbereit bekannte AGS-Community gewandt hat. In dem Beitrag findet ihr einige Screenshots, und bei google drive einen Ordner mit Assets und anderem Material zum Stöbern.

Die Space-Quest-Serie kam auf sechs offizielle Teile, von denen der letzte 1995 erschienen ist. Viele Space-Quest-Fans hoffen derzeit noch auf das Two Guys From Andromeda Space Venture (zur News), welches trotz erfolgreicher Kickstarter-Kampagne im Jahre 2012 noch immer auf sich warten lässt.

Space Quest 3 – Die Piraten von Pestulon: Oben das Original (1989), im Hintergrund das Fan-Remake (derzeit in Entwicklung).

Leisure Suit Larry

Die nächste große Sierra-Adventure-Serie startete Al Lowe mit Leisure Suit Larry in the Land of the Lounge Lizards im Jahr 1987. Im User-Artikel von Jürgen könnt ihr euch ein Bild von den Anfängen der Serie und den beiden offiziellen Remakes aus den Jahren 1991 und 2013 machen. Auch in der AGS-Community gab es Bemühungen, ein Remake mit AGI-Optik und Maussteuerung zu erstellen, es wurde allerdings nie zu Ende gebracht. 

Für den zweiten Teil Leisure Suit Larry Goes Looking for Love (In Several Wrong Places)aus dem Jahr 1988 gilt dies glücklicherweise nicht. AGS-User Rui brachte hierfür 2004 eine überarbeitete Version unters Volk, die hauptsächlich die Tastatursteuerung gegen eine Maussteuerung austauscht. Auch hier sei ein User-Artikel von Jürgen empfohlen, in dem er sich mit der weiterführenden Geschichte von Larry beschäftigt. Das Remake findet ihr für Windows in englischer Sprache in der AGS-Datenbank zum kostenlosen Download.

Als eine der wenigen alten Sierra-Serien ist die Leisure-Suit-Larry-Serie heute noch aktiv. Der deutsche Entwickler Crazy Bunch brachte 2018 und 2020 noch zwei Fortsetzungen unter dem Namen Leisure Suit Larry – Wet Dreams Don’t Dry und Leisure Suit Larry – Wet Dream Dry Twice heraus.

Larry Suit Larry Goes Looking for Love (In Several Wrong Places): Fan-Remake mit Point-and-Click-Steuerung (2004).

Quest for Glory

Eine der beliebtesten Spielereihen von Sierra wurde von Corey und Lori Cole erschaffen, der erste Teil erschien unter dem Namen Hero’s Quest – So You Want To Be A Hero im Jahr 1989. Aufgrund der Namensähnlichkeit zum Milton Bradley-Brettspiel Hero Quest aus dem selben Jahr, für das sich MB die Markenrechte für eine Computerspielumsetzung gesichert hatte, wurde es später in Quest for Glory – So You Want To Be A Hero umbenannt. Die Quest-for-Glory-Spiele sind Adventure-Rollenspiel-Hybride, bei denen man als Kämpfer, Dieb oder Magier und später auch als Paladin auf unterschiedliche Arten an die Rätsel und Aufgaben herangehen konnte. Das Muster dürfte euch mittlerweile bekannt vorkommen: Sierra hat aus dem Original mit Parser ein VGA-Remake mit Point-and-Click-Steuerung gestrickt und wollte anschließend keine weiteren Serien-Remakes erstellen.

Auch hier wiederholt sich die Geschichte: Niemand anderes als AGDI nahm sich Quest for Glory 2 – Trial by Fire vor und veröffentlichte 2008 ein generalüberholtes VGA-Remake. Besonders hervorzuheben ist die Möglichkeit, zwischen Maus- und Tastatursteuerung (oder einer Hybrid-Variante) zu wählen, sowie das Umherirren in den Gassen von Shapeir zu vereinfachen. Selbst an eine Möglichkeit, seinen Charakter zu importieren und am Ende wieder zur Verwendung in Quest for Glory 3 – Wages of War zu exportieren, wurde gedacht. Den kostenlosen englischen Download für Windows und MacOS findet ihr auf der AGDI-Homepage.

Insgesamt umfasst die Serie fünf offizielle Teile, der letzte erschien 1998. Das Ehepaar Cole erschuf unter anderem mit Hilfe von zwei erfolgreichen Kickstarter-Kampagnen in den Jahren 2012 und 2015 noch einen geistigen Nachfolger. Da die Rechte für Quest for Glory aber nicht bei den beiden liegen, kam das Spiel 2018 unter dem Namen Hero-U – Rogue to Redemption auf den Markt.

Quest for Glory 2 – Trial by Fire: Unten das Original (1990), im Hintergrund das Fan-Remake (2008).

Gabriel Knight

Okay, ich gebe es zu. Das nächste hier vorgestellte AGS-Projekt zum Voodoo-Horror-Klassiker Gabriel Knight – Sins of the Fathers ist eigentlich nur eine fixe Idee eines AGS-Users gewesen. Das Crossover-Teaser-Bild von “Gabriel Knight meets Monkey Island” wollte ich euch aber nicht vorenthalten, in dem verlinkten Forumsbeitrag findet ihr auch ein Entstehungsvideo. Wenn ihr euch für die Hintergründe des Meisterwerks von Jane Jensen aus dem Jahre 1993 interessiert, dann empfehle ich euch einen Blick in den passenden User-Artikel von Jürgen. Meiner Meinung nach benötigt der erste Gabriel-Knight-Teil zwar keine Neuauflage, aber ein Spiel mit dieser Mischung aus LucasArts- und Sierra-Grafik würde ich eher spielen, als das glattpolierte offizielle Remake Gabriel Knight – Sins of the Fathers 20th Anniversary Edition aus dem Jahr 2014.

Falls ihr nun enttäuscht seid, hier kein spielbares Remake eines Gabriel-Knight-Titels vorzufinden, dann hilft euch vielleicht John Sinclair – Voodoo in London von Tolga “Retro-Guy” Öcek (später bei Digital Mosaic Games) darüber hinweg. Das Spiel ist ein interessantes Beispiel für ein Fan-Adventure, denn die Mischung aus Optik, Stimmung und Gameplay von Gabriel Knight mit der Welt und den Geschichten von John Sinclair funktioniert einfach wunderbar. Der Romanheld John Sinclair wurde von Helmut “Jason Dark” Rellergerd bereits 1973 erfunden und entwickelte sich mit über 2.000 Romanen, Hunderten von Hörspielen und sogar einem eigenen Rollenspielsystem zu einer sehr erfolgreichen Marke, die massig Stoff für Adventures bieten würde. Leider gibt es keine Pläne, das Spiel fortzusetzen und es endet unglücklicherweise mit einem Cliffhanger, dafür solltet ihr in insgesamt unter einer Stunde damit durch sein. Den kostenlosen Download für Windows sowie einen älteren Prototypen findet ihr bei itch.io, diesmal sogar in deutscher Sprache.

Die Gabriel-Knight-Serie brachte 1995 und 1999 noch zwei Fortsetzungen hervor, die durchaus Potential für Fan-Remakes in Pixeloptik hätten. Der zweite Teil gab sich als interaktiver Film aus, während der dritte vollständig auf 3D setzte. Beide Spiele sind aus meiner Sicht, anders als Teil 1, vor allem optisch besonders schlecht gealtert.

John Sinclair – Voodoo in London (2016): Nicht nur das Interface versprüht Gabriel-Knight-Charme.

The Black Cauldron

Wer erinnert sich noch an den Disney-Film “Taran und der Zauberkessel” aus dem Jahr 1985? Basierend auf dem Film entwickelte Al Lowe noch vor dem ersten Larry-Teil das Spiel The Black Cauldron, das 1986 veröffentlicht wurde. Ähnlich wie in den frühen King’s-Quest-Teilen steuert ihr eure Spielfigur Taran per Tastatur durch die Spielwelt und versucht, euer magisches Schwein Hen Wen und das mystische Land Prydain vor der Bedrohung durch den Gehörnten König zu beschützen.

Das Remake von AGS-User DreamMaster aus dem Jahr 2004 ist wieder eine originalgetreue Umsetzung, die hauptsächlich die Tastatursteuerung gegen Point-and-Click austauscht. Der Entwickler hat hier allerdings den Quellcode direkt mit veröffentlicht. Diesen könntet ihr euch in den AGS-Editor laden und das Spiel nach Belieben verändern. Das Paket, in englischer Sprache und für Windows, findet ihr hier zum Herunterladen.

Das Projekt hatte viele Jahre später noch einen schönen Nebeneffekt: DreamMaster stieg zwei Jahre nach seinem Fan-Remake von The Black Cauldron als Entwickler in das ScummVM-Projekt ein und sorgte in diesem Jahr mit seinen Erfahrungen mit dafür, dass der Retro-Emulator nun auch AGS-Spiele unterstützt. Auf seinem Blog hat er dazu ein wenig zu den Hintergründen geschrieben.

The Black Cauldron: Fan-Remake mit Point-and-Click-Steuerung (2004).

Mystery House

Zum Schluss begeben wir uns zu den Anfängen von Sierra: Das Ehepaar Ken und Roberta Williams gründete das Unternehmen 1979 zunächst unter dem Namen On-Line Systems und schuf mit ihrem Erstlingswerk Mystery House im Jahr 1980 einen Meilenstein der Adventure-Geschichte. Zum ersten Mal zeigte ein Text-Adventure dem Spieler nämlich auch Grafiken auf dem Bildschirm, auch wenn diese nur aus simplen Strichzeichnungen bestanden. Ihr durftet keine Spielfigur durch die Hintergründe bewegen, sondern habt das namensgebende Haus aus der Ego-Perspektive erforscht und mit simplen Texteingaben versucht, die versteckten Juwelen und den umherstreifenden Mörder zu finden. Im Jahr 1982 wurde die Firma in Sierra On-Line umbenannt und Mystery House unter dem Label SierraVenture wiederveröffentlicht.

Der AGS-User Sergio Fernandez nahm sich 2017 dieses Spiel als Vorlage, um seine Neuinterpration unter dem Namen Mysterious House zu veröffentlichen. Es handelt sich hierbei um eine Mischung aus Point-and-Click-Interface und 3D-gerenderten Grafiken. Auch hier steuert man keine Spielfigur, sondern klickt sich per Maus durch die Hintergründe und tippt somit auch keine Befehle mehr ein. Die Geschichte wurde leicht abgeändert, allerdings ist sie immer noch so dünn, dass sie nicht der Rede wert ist. Leider sind die Interaktionen sehr stark begrenzt, sodass dieses Remake eher als Kuriosum anzusehen ist und nicht als Spielempfehlung. Falls ihr dennoch einen Blick riskieren möchtet, findet ihr den Download in englischer Sprache für Windows in der AGS-Datenbank.

Mystery House: Unten das Original (1980), im Hintergrund das Fan-Remake (2017).

Fazit und Vorschau

Die alten Adventure-Klassiker strahlen offenbar noch bis heute eine Faszination aus, die viele Fans des Genres nicht nur zum Spielen, sondern auch zum Nachbauen und Verbessern inspiriert. Mit den ersten beiden Artikeln habt ihr einen Einblick in die Welt der AGS-Remakes zu den Sierra-Spielen bekommen. Alle oben genannten Remakes konnten problemlos bei der Erstellung dieses Artikels heruntergeladen und unter Windows 10 gestartet werden, ich möchte aber trotzdem an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen, dass AGS-Spiele mittlerweile auch von ScummVM unterstützt werden. Wie immer freue ich mich über Kommentare unter diesem Artikel. Im nächsten Artikel stelle ich euch AGS-Remakes von unbekannteren Adventure-Schmieden vor.

Zum Abschluss seht ihr unten, dass der wohl bekannteste Schauplatz aus den Leisure-Suit-Larry-Spielen “Lefty’s Bar” auch in kommerziellen Adventures mehrmals ein Remake bekommen hat. An welche Version denkt ihr zuerst, wenn ihr “Lefty’s Bar” hört und welche gefällt euch am besten?

Leisure Suit Larry: Lefty’s Bar im Wandel der Zeit. Original (1987), VGA-Remake (1991), Reloaded (2013), Wet Dreams Don’t Dry (2018).

(Dieser Beitrag erschien zuerst am 25. Juli 2021 auf GamersGlobal)

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