Hercule Poirot ist zurück! Und überall, wo der belgische Schnauzbart-Detektiv auftaucht, ist ein Mordfall meist nicht weit entfernt.

| Titel: | Agatha Christie – Tod auf dem Nil |
| Erscheinungsdatum: | 25.09.2025 |
| Plattformen: | Windows, PlayStation 5, XBox Series X|S, Switch |
| Entwickler / Herausgeber: | Microids Studio Lyon / Microids |
| Homepage: | https://www.microids.com/ agatha-christie-death-on-the-nile/ |
Die Werke der britischen Schriftstellerin Agatha Christie sollen sich weltweit über zwei Milliarden mal verkauft haben. Einer ihrer berühmtesten Krimis ist Death on the Nile und wurde dementsprechend oft adaptiert – etwa als Theaterstück, Verfilmung oder Computerspiel-Umsetzung. Für den Publisher Microids stellt Agatha Christie – Tod auf dem Nil bereits die vierte Agatha-Christie-Versoftung der letzten vier Jahr dar. Neben den beiden (aus meiner Sicht weniger gelungenen) Episoden aus der Feder des Studios Blazing Griffin hatte es Agatha Christie – Mord im Orient Express vom Microids Studio Lyon immerhin auf Platz 15 meiner Top-Liste der besten Adventures von 2020 – 2024 geschafft.
Meine Erwartungen an Agatha Christie – Tod auf dem Nil, das ebenfalls vom Microids Studio Lyon entwickelt wurde, waren also dementsprechend hoch. Ob sie auch erfüllt werden konnten, verrate ich euch in diesem Artikel.
Alte Geschichte, aber neu

Während die letzte Microids-Umsetzung des Orient-Express-Falls im Jahr 2023 angesiedelt war, wird der Meisterdetektiv Hercule Poirot nun mitten in die 1970er Jahre versetzt. Ein interessanter Ansatz, der schon zu Beginn eine willkommene Abwechslung zu den bisherigen Erzählungen des Tod-auf-dem-Nil-Stoffs verspricht. Die Geschichte beginnt mit einem richtungsweisenden Prolog, breitet sich genüsslich über neun Kapitel aus und endet in einem ausgedehnten Epilog. Wenn ihr das Original oder eine der Adaptionen schon kennt, werdet ihr bemerken, dass viele wichtige Elemente auch in dieser Versoftung vorkommen – vielfach auch mit einem Twist, um die häufig erzählte Geschichte spannend zu halten.
Im Prolog findet ihr euch in der Rolle von Poirot im Nachtclub „Chez Ma Tante“ eures Freundes Gaston Blondin wieder. Natürlich könnt ihr nicht einfach den Abend genießen, sondern werdet direkt in einen Kriminalfall hineingezogen: Bei dem öffentlichen Heiratsantrag von Lord Charles Windlesham wird nämlich plötzlich der Verlobungsring, der für seine angehimmelte Linnet Ridgeway gedacht war, vermisst.

Ehrensache, dass ihr dem Diebstahl auf den Grund geht. Dabei lernt ihr neben anderen wichtigen Charakteren auch die zweite (im späteren) steuerbare Spielfigur kennen: Die afroamerikanische Privatdetektivin Jane Royce besucht mit ihrer Partnerin zufälligerweise am gleichen Abend den Club und stellt sich als Poirot-Fan heraus. Leider ist der versöhnliche Abschluss des Abends mit der Wiederbeschaffung des Rings nur von kurzer Dauer, denn als Jane den Club mit ihrer Partnerin verlässt, wird diese auf offener Straße ermordet.
In einem Großteil des Spiels wechseln sich die Handlungsstränge und somit auch die Spielfiguren ab. Mit Poirot wandelt ihr auf den Spuren der Originalgeschichte, die euch von einem luxuriösen ägyptischen Hotel auf den Nildampfer Karnak und in den Tempel von Abu Simbel führt. Dabei entspinnt sich der bekannte Plot um Linnet Ridgeway, die den Ex-Verlobten ihrer ehemals besten Freundin geheiratet hat und während der Nil-Hochzeitsreise aus Rache ständig von dieser belästigt wird. Das Ganze gipfelt in mehreren Morden, die ihr aufklären müsst.

Währenddessen heftet sich Jane an die Fersen des Mörders ihrer Partnerin, die die schmutzigen Geschäfte ihres Arbeitgebers aufdecken wollte. Jane erfährt von einem Auftragskiller, der den Mord ausgeführt haben soll, und verfolgt ihn nach New York und Ägypten. Später verweben sich beide Handlungsstränge und so treffen die beiden Protagonisten aufeinander, um sich gegenseitig zu unterstützen. Vor allem im ausgedehnten Kapitel 7 werdet ihr häufig zwischen den Spielfiguren wechseln.
Spürnasen und Schnauzbärte

Wenn ihr das Microids-Orient-Express-Adventure gespielt habt, werdet ihr euch in Tod auf dem Nil direkt wie zu Hause fühlen. Wieder steuert ihr die Spielfiguren aus der Verfolgerperspektive mit frei drehbarer Kamera durch liebevoll gestaltete 3D-Umgebungen. Das Gameplay-Grundgerüst besteht selbstverständlich erneut aus angenehm abwechslungsreich gestalteter Detektiv-Arbeit.

Das zentrale Werkzeug hierfür ist die Mindmap, die automatisch eure Erkenntnisse und Aufgaben verwaltet, so dass ihr immer den Überblick über die verschiedenen kleinen Fälle, die sich zu einem großen Fall zusammensetzen, behaltet. Außerdem müsst ihr hier logische Schlüsse ziehen, die sich aus den gesammelten Fakten ergeben. Daneben führt ihr noch eine (optionale) Charakterliste, in der ihr mit Hilfe eines Multiple-Choice-Menüs neben den Vor- und Nachnamen der handelnden Personen meist noch deren Tätigkeit, Geheimnisse und Verbindungen zu anderen Personen ausfüllen könnt.

Einen großen Teil eurer Spielzeit verbringt ihr Gesprächen. Dabei kann es zu Konfrontationen kommen, in denen ihr die Lügen eurer Gesprächspartner erkennen und ihnen diese mit Hilfe von Beweisen um die Ohren hauen müsst. Auch die gründliche Untersuchung aller Orte, Spuren und manchmal auch Leichen gehört zu eurem Detektiv-Alltag dazu. Nicht selten findet ihr dabei Minispiel-artige Logik-Rätsel vor, die ihr lösen müsst, um an Informationen oder an bestimmte Orte zu gelangen. So kommt es häufiger vor, dass ihr Maschinen reparieren, Schlösser knacken oder Verstecke mit Geheimmechanismen öffnen müsst.

Dazu gesellen sich weitere Detektivspiel-Mechaniken wie die zeitliche Einordnung von Geschehnissen, die Abwägung von Wahrscheinlichkeiten (Mord oder Selbstmord?) oder das Belauschen von Gesprächen. In einem für die Reihe neuem zentralen Element, das an den „Brain Dance“ aus Cyberpunk 2077 oder an das „innere Auge“ von The Sinking City erinnert, rekonstruiert ihr in eurem Kopf detailliert den Tathergang der unterschiedlichen Verbrechen, in dem ihr die beteiligten Personen zur richtigen Zeit dem richtigen Ort zuweist.
Abseits der Detektivarbeit finden sich auch ein paar Passagen im Spiel wieder, die vielleicht nicht überall auf Begeisterung stoßen. Stellenweise müsst ihr beispielsweise Personen schleichend oder rennend verfolgen, was durch fair gesetzte Checkpoints allerdings ein ziemlich geringes Frustrisiko birgt. In einem anderen Beispiel probiert ihr euch durch die einzelnen Spieltische einer Spielhölle durch, um in euren Ermittlungen weiterzukommen.

Ein weitere kleine Neuigkeit mit „entscheidender“ Auswirkung sind die Dialoge, in denen ihr mit Jane wählt, in welche Richtung sich ihre Geschichte entwickelt (Beispiel: Polizei hinzuziehen oder Selbstjustiz?). Dies mündet in zwei verschiedenen Epilogen, die sich zwar um die gleiche Sache drehen, aber unterschiedlich spielen. In dem Epilog, den ich erreicht hatte, durfte ich mit Jane alle losen Fäden an einer „Detektivwand“ verknüpfen und so ein größeres Geheimnis aufdecken, das im Zusammenhang mit dem Tod von Janes Partnerin steht. Im alternativen Epilog wiederum steuert ihr Hercule Poirot persönlich. Netterweise findet ihr nach dem Beenden „eures“ Epilogs den „anderen“ Epilog in der Kapitelauswahl, um ihn ebenfalls spielen zu können.

Alle Sammler dürften sich wohl über die Rückkehr der goldenen Schnauzbärte freuen. Diese sind in allen Kapiteln versteckt und warten darauf, von euch gefunden zu werden. Bei eurer Suche stolpert ihr vielleicht auch über die eine oder andere goldene Schallplatte, die ebenfalls eure Sammelleidenschaft entfachen sollen. Dieses Spielelement ist vollständig optional, ihr müsst also keine Nachteile befürchten, wenn ihr keine vergoldeten Gesichtsbehaarungen oder Vinylpressungen aufspüren möchtet. Als Belohnung für das Sammeln könnt ihr in einem virtuellen Museum Artworks freischalten. Wer alle 100 Schnurrbärte gefunden hat, darf die geheimnisvolle Schnurrbarttür öffnen, die mir aber während meiner Spielzeit für diesen Artikel noch verschlossen blieb.
Falls ihr einmal nicht weiterwisst, stehen euch so gut wie immer Tipps in mehreren Abstufungen zur Verfügung, die ihr per Tastendruck aufrufen könnt. Wer gerne ohne Hilfe rätseln möchte, kann sich das Leben mit einem einstellbaren Schwierigkeitsgrad nach Bedarf auch schwerer machen. Am Ende eines Kapitels wird euch eine Statistik präsentiert, an der ihr ablesen könnt, wie lange ihr gebraucht, wie viele Tipps ihr genutzt und wie viele Fehler ihr gemacht habt.
Die wilden Siebziger

Die Microids-Interpretation des 88 Jahre alten Stoffs setzt voll auf das Siebziger-Jahre-Setting. Knallige Farben mit vielen Orange-, Gelb- und Brauntönen, auffällige Muster, ausladende Kragen, Schlaghosen – sucht euch was aus! So passen sich natürlich auch die beiden spielbaren Detektive an und werfen sich entsprechend in Schale. Manche Orte, vor allem das Domizil auf Mallorca, das ihr mit Jane besucht, sind vollgestopft mit Siebziger-Jahre-Memorabilia. Passend dazu warten Discomusik und Wah-Wah-Gitarren auf eure Lauscher.
Grafisch wirkt das wie schon im Vorgänger durchaus nett, auch wenn ihr jetzt keine absolute High-End-Qualität erwarten dürft. Auch wenn der eine oder andere Charakter schon einmal etwas steif wirken kann, haben mir die Gestaltung und die Liebe fürs Detail aber insgesamt schon sehr gut gefallen. Die deutsche Sprachausgabe fand ich ebenfalls sehr gelungen, auch wenn der belgisch-französische Akzent von Poirot aus dem Vorgängerspiel gestrichen wurde. Die deutschen Texte sind bis auf ein paar wenige Kleinigkeiten gut übersetzt.





Als Steuerungsoptionen stehen sowohl die durchdachte Gamepad- als auch eine Maus- und Tastatur-Steuerung zur Verfügung, die bei mir kaum Wünsche offen gelassen haben. Dennoch habe ich zwei Dinge schmerzlich vermisst: Zum einen können Dialoge beim ersten Mal nicht übersprungen bzw. abgekürzt werden, zum anderen fehlt eine Mini-Map, mit der man Orte direkt anspringen kann. Diese beiden Komfortfunktionen hätten mir das Leben deutlich leichter gemacht, auch wenn ich das Fehlen letztendlich verschmerzen konnte.
Fazit


Da hat Microids Studio Lyon einen richtigen Detektivspiel-Kracher vom Stapel laufen lassen! Tod auf dem Nil wird euch locker 20 bis 25 Stunden beschäftigen (vorausgesetzt, ihr lasst die Finger vom Hilfesystem) – wenn ihr auch noch den ganzen Sammelkram finden möchte, dann wohl deutlich länger. In meiner persönlichen Adventure-Rangliste des Jahres rangiert es auf jeden Fall ziemlich weit oben. Ich hätte es wohl nur noch mehr mögen können, wenn ich eine komfortablere Reisemöglichkeit per Mini-Map und die Option zum schnelleren Durchschalten von Dialogen gehabt hätte. Etwas ärgerlich ist zudem, dass sich die Dialoge auch beim erneuten Spielen eines Kapitels, zum Beispiel, um fehlende Sammelgegenstände zu suchen, nicht überspringen lassen. Außerdem kamen für meinen Geschmack, vor allem in Kapitel 7, ein Tick zu viele Mechanik-/Schloss-/Minispiel-Aufgaben vor. Auch das Rätsel im Tempel von Abu Simbel war mir etwas zu lang. Die oben beschriebenen Stärken wiegen diese kleinen Mängel aber um ein Vielfaches auf.
Als Krimiadventure-Fan solltet ihr euch Agatha Christie – Tod auf dem Nil auf keinen Fall entgehen lassen. Das Spiel ist ab sofort für PC und Konsolen zum Preis von ca. 40 Euro in dem Store eurer Wahl erhältlich. Die Digital Deluxe Edition kostet dann noch ein paar Euro mehr und beinhaltet ein digitales Artbook und den Soundtrack.
Und jetzt freue ich mich auf einen Gast-Meinungskasten von der Krimiadventure-Expertin Loxi vom Podcast Loxis Place!
Und was sagt Loxi dazu?

Mein erster Eindruck beim Anspielen war eine Mischung aus Freude und leichter Irritation. Ich hab doch ein bisschen mehr Mühe mit der gewählten Zeit der 70ger als ich dachte. Dennoch hat unser allseits beliebter belgischer Detektiv gleich zu Anfang den passenden Auftritt, was mich dann doch schmunzeln ließ.
Der Epilog ist zugleich auch der erste Fall und führt einige Charaktere ein, was mich auch direkt zu den Charakterprofilen führt. Streckenweise hatte ich das Gefühl, eher eine Sekretärin zu sein und hab sehr fix bereut, nicht Zettel und Stift zur Hand zu haben oder die gewonnenen Informationen direkt eingetragen zu haben. Lerneffekt: nach jedem Gespräch alle Informationen eintragen. Wie mühselig das noch wird, kann ich noch nicht sagen.
Etwas fummelig finde ich auch die Belauschen-Funktion. Ich bin da schon ein bisschen hin und her gelaufen, bis ich dann den passenden Punkt hatte. Allerdings sind meine passende Punkte nicht die, die das Spiel für welche hält.
Ansonsten muss ich sagen, dass ich schon das bekomme, was ich auch erwartet habe. Deduzieren, kleine graue Zellen bemühen, Schnurrbärte jagen ( ich warte noch auf die Schnurrbartschere ) und meine Fluchkompetenzen erhöhen via Schieberätsel.
Bis jetzt ein waschechter Poirot, der mir Freude bereitet und ich bin gespannt, ob noch auf das Ende von Mord im Orientexpress eingegangen wird.

Klingt alles ok, auch wenn ich zugebe: ich möchte eigentlich selten über 20 Stunden in einem Adventure verbringen, da ist oft weniger mehr für mich, aber das ist natürlich ein minimaler Mäkel-Punkt
Ja, das kann ich gut verstehen. Aber immerhin ist es in Kapiteln unterteilt, so dass man es auch in kleineren Häppchen spielen und immer wieder hervorkramen kann. 🙂
Hab das so bei Poirots ersten Fällen gemacht, dann aber den Faden und irgendwann das Interesse verloren.
Klingt super, vielen Dank für den Test – schaue ich mir sicherlich einmal an! Muss aber zuvor noch „The Drifter“ beenden… Ist es denn etwas weniger linear bzw. „beengt“ als der Vorgänger?
Durch die abwechselnden Schauplätze empfand ich es als etwas weniger beengt als im Orient-Express. Aber die Abschnitte auf der Karnak erinnern schon an den Vorgänger.
Was die Linearität angeht: Meist gibt es mehr als eine Aufgabe, die abgearbeitet werden muss, also ist es nicht streng linear. Die Geschichte geht aber erst weiter, wenn diese vom Spiel vorgegebenen Punkte abgearbeitet sind (Beispiel: 1) Untersuche die Leiche 2) Untersuche den Tatort 3) Befrage die Zeugen. Erst wenn 1, 2 und 3 in beliebiger Reihenfolge abgearbeitet sind, geht es weiter). Ist mir so allerdings auch lieber, als wenn 50 Handlungsstränge gleichzeitig offen sind. 😉
Stimmt – zu viele offene Aufgaben verwirren mich ebenfalls, hehe. Weniger beengt klingt auf jeden Fall sehr gut!
Geht mir aber auch so. Ich habe es lieber übersichtlich als zu viele Aufgaben gleichzeitig. Die beliebige Reihenfolge ist auch gut, wobei ich schon eine Stelle hatte wo das Spiel mir das trotzdem vorgegeben hat.
Toller Test!