Aether & Iron – KaPoTa?

In unserer Rubrik KaPoTA? (Keep and Play or Throw Away?) stellen wir uns genau diese Frage: Würden wir dieses Spiel vor Erreichen der magischen Zwei-Stunden-Grenze bei Steam behalten und weiterspielen, oder würden wir es lieber wieder loswerden? Heute mit: Aether & Iron

Im Vorfeld der Veröffentlichung habe ich viel über Aether & Iron gehört, das Erstlingswerk von Seismic Squirrel. Ein Rollenspiel im Decopunk-Genre von Autoren, die in der Vergangenheit unter anderem an Mass Effect mitgearbeitet haben? Das hatte mich neugierig gemacht. Doch wie selten zuvor bin ich bereits innerhalb der ersten beiden Stunden abgeprallt.

Über den Wolken…

Die Geschichte spielt im New York der 1930er-Jahre, jedoch nicht in unserer Zeitrechnung. In dieser alternativen Zeitlinie schwebt New York größtenteils in den Wolken und die Welt wird von einer Substanz namens Äther angetrieben. Ähnlich wie im Klassiker Metropolis von Fritz Lang ist die Stadt in eine Oberstadt und eine Unterstadt aufgeteilt. Während die Oberstadt von Wissenschaftlern, Geschäftsleuten und anderen privilegierten Menschen bewohnt wird, ist die Unterstadt von Kriminalität und Armut geprägt. Hier ist auch die Protagonistin des Spiels, eine Schmugglerin namens Gia Randazzo, zu Hause. Weil sie bei einem früheren Auftrag die Regeln der Unterwelt missachtet hat, wird sie von einem Großteil geächtet und kämpft um jeden Job, den sie bekommen kann. Eines Tages erhält sie von einem geheimnisvollen Fixer den Auftrag, die Wissenschaftlerin Nellie Reinhardt aus der Oberstadt in die Unterstadt zu eskortieren, wo diese sich vor Verfolgern verstecken will. Währenddessen wird Gias Auto gestohlen und schon bald wird ersichtlich, dass Nellie ein Kopfgeldjäger auf den Fersen ist, denn deren Forschungsergebnisse könnten den mächtigen Baronen der Oberstadt gefährlich werden.

So viel zur anfänglichen Storyprämisse, die durchaus spannend klingt. Mein Problem bei Aether & Iron ist, dass wir es hier dann doch nicht mit einem klassischen Rollenspiel zu tun haben, sondern mit einer Visual Novel voller Textwüsten. Die Dialoge ziehen sich nicht nur in die Länge, hinzu kommen ausufernde Gedankengänge der Protagonistin. Schon bald hatte ich aufgrund der ständigen Wiederholungen der Prämisse das Gefühl, dass meine Lebenszeit nicht respektiert wird. Ich mag Visual Novels, solange die Dialoge gut geschrieben sind und schnell auf den Punkt kommen. Die Phoenix Wright-Reihe von Capcom ist für mich immer noch der Königsweg, was das Pacing in diesem Genre betrifft.

Gleichwohl hatte ich mir die Spielwelt sehr viel interessanter vorgestellt, als sie in den ersten zwei Spielstunden gezeichnet wird. Mir fehlen Ankerpunkte, warum diese Welt so ist, wie sie ist. Mir fehlen unterhaltsam eingefügte Hintergründe zur gesellschaftlichen Struktur und dergleichen. Mag sein, dass das später alles noch kommt – aber nach den ersten beiden Stunden hatte ich das Gefühl, dass mich weder die Welt noch die Charaktere sonderlich interessieren.

Auf der Gameplay-Ebene haben mich die ständigen Würfeleien eher genervt. Egal, ob eine Figur befragt werden soll oder man freundlich oder direkt antworten möchte: Sehr häufig wird wie in Pen-&-Paper-Rollenspielen gewürfelt und wenn die Augenzahl einen bestimmten Wert erreicht, gilt die Prüfung als bestanden. Es ist am Ende schlicht Zufall, wie die Gespräche verlaufen und das finde ich sehr, sehr unbefriedigend für das Spielerlebnis. Es scheint auch noch rundenbasierte Kämpfe in Autos zu geben, die man in der eigenen Garage aufleveln kann. So weit bin ich jedoch nicht gekommen, um sagen zu können, ob mir dieses System gefällt oder nicht.

Keep and Play or Throw Away?

Ich weiß, dass es unfair ist, ein Rollenspiel mit einer Spielzeit von vielleicht 30 oder 40 Stunden nach den ersten zwei Stunden zu bewerten. Aber KaPoTa? ist eben unser kleines, dreckiges Ersteinschätzungsformat, in dem es genau darum geht: Behalten oder wegwerfen? Ich persönlich werde das Spiel wohl keines Blickes mehr würdigen. Zu viele andere Spiele warten auf meine Aufmerksamkeit. So interessant ich die Prämisse auch finde: Die vielen und langen Dialoge sowie Gedankengänge der Figuren haben mich hart abprallen lassen. Vielleicht bin ich auch für diese Art Spiel nicht gemacht, denn ich hatte seinerzeit auch Disco Elysium kurz vor der Zwei-Stunden-Grenze gelangweilt auf Steam zurückgegeben. Ja, so ein Banause bin ich!

Aber genau deswegen möchte ich meinen persönlichen Ersteindruck an dieser Stelle auch nicht verallgemeinern. Seid ihr für Spiele mit Textwüsten zu haben und hattet auch bei Disco Elysium richtig viel Freude? Dann solltet ihr euch Aether & Iron unbedingt anschauen! Für euch ist das Spiel gemacht. Nicht für banausige Lesemuffel wie mich…

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Über Nischenliebhaber

Ostdeutsches Videothekenkind der 90er Jahre. Liebt Spiele- und Retrokultur ebenso wie subkulturelle Musik aus aller Herren Länder und lange Spaziergänge durch dunkle Wälder des Erzgebirges.

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One Comment on “Aether & Iron – KaPoTa?”

  1. Bin ebenfalls ein Banause. Ich habe Disco Elysium auch sehr schnell abgebrochen und kann die Faszination nicht nachvollziehen. Wenn ich einen Roman lesen will, dann als Buch und nicht auf dem Bildschirm. Kommt aber vielleicht auch auf das Thema an und wie es gemacht ist. The Life and Suffering of Sir Brante hat ja auch extrem viel Text aber das habe ich mit Begeisterung gespielt. Hier hat mich das Mass Effect getriggert, aber die Thematik und der Artstyle sagen mir gar nicht zu. Danke für den Ersteindruck!

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