Adventure-Schatzkiste: AlternativA (CZ)

Die „Adventure-Schatzkiste“ ist eine Kolumne unseres Gast-Autors André Savetier, der uns eine neue Perspektive auf übersehene und/oder unterschätzte Adventure-Spiele aus der weitreichenden Vergangenheit des Genres bieten möchte.

AlternativA ist ein Third-Person-Point-and-Click-Adventure aus dem Jahr 2010, entwickelt vom tschechischen Studio Centauri Production – den Machern der beiden Memento Mori-Spiele – und veröffentlicht von Bohemia Interactive.

Beim Blick auf die Steam-Seite fällt sofort auf: Die Bewertungen sind überwiegend negativ. Nur 46 % der Spieler haben das Spiel empfohlen.

Wenn ihr meiner Adventure-Schatzkiste gefolgt seid, wisst ihr bereits, dass es genau solche Spiele sind, die mich reizen.

Eine neue Weltordnung

AlternativA spielt im Jahr 2045, nach dem Dritten Weltkrieg, in einem dystopischen Prag, das von drei Mächten regiert wird: dem Staat, dem Bau- und Minenkonzern Endora und der Tech-Organisation Theolex. Letztere ist für die Entwicklung von Androiden verantwortlich, die dazu benutzt werden, die Bevölkerung zu kontrollieren und klein zu halten. Die Stadt ist in Distrikte geteilt – vom glänzenden Regierungsviertel bis zu den heruntergekommenen Slums, in denen die Arbeiterklasse lebt.

Ihr schlüpft in die Rolle von Richard Roček, einem jungen Mann aus den Slums, der am ersten Tag des Spiels ohne Grund gefeuert wird. Keine Zeit für Erklärungen, ihr seid mittendrin im Geschehen. Das Spiel macht keinen Hehl daraus, dass es euch gleich ins kalte Wasser schmeißt. Kein Tutorial, kein sanfter Einstieg, nur ein verlorener Protagonist in einer Welt, die euch keine Chance gibt, euch zu orientieren.

Aus Frust entscheidet sich Richard dazu, sich dem Widerstand anzuschließen. Doch sind die Leute der Resistance gar nicht so leicht zu finden. Als dann auch noch eine wichtige politische Figur ermordet und Richard dafür verantwortlich gemacht wird, wird es brenzlig. Schließlich hat Richard sowohl den Staat als auch Endora gegen sich. Dafür hilft ihm die Widerständlerin Andrea Raskova. Ihr gemeinsamer Kampf gegen die Eliten führt sie schließlich bis nach Brasilien…

Dystopisches Prag

Die Spielewelt ist so düster, wie man es von einer Dystopie erwarten würde. Wenn ihr Prag kennt, werdet ihr sicher die eine oder andere Location wiedererkennen. Es zahlt sich auch aus, die Propaganda- und Werbeposter, die überall herumhängen, zu lesen, dann erfahrt ihr etwas mehr über die Lore von AlternativA. Das Bier-Logo von Endopramen hat mich zum Schmunzeln gebracht, es handelt sich um eine Anspielung auf das berühmte Prager Bier Staropramen, das wohl offensichtlich von Endora übernommen worden ist.

Die Grafik von AlternativA ist, typisch für die Entstehungszeit des Spiels, 2.5D: schöne gerenderte Hintergründe mit 3D-Charakteren. Diesen Stil mag ich besonders gern. Die tschechische Konkurrenz von Future Games hat sich ebenfalls gern dieser Darstellungsoption bedient, etwa bei Nibiru, Black Mirror oder dem ebenfalls 2010 erschienenen Alter Ego.

Die Soundkulisse ist hervorragend: kein lästiges Gedudel, nur düstere Ambient-Sounds, das Marschieren von Androiden, das Echo der Schritten, Baugeräusche oder Propaganda aus blechernen Lautsprechern. Es ist, als ob AlternativA euch fühlen lassen möchte, wie es ist, in dieser hoffnungslosen Welt zu atmen.

Die Steuerung ist intuitiv, klickt ihr auf einen Hotspot, erscheint ein Verbcoin mit drei Optionen: Anschauen, Benutzen, Sprechen. Das Inventar befindet sich am oberen Bildschirmrand. Per Doppelklick könnt ihr Richard rennen lassen oder schnell zum nächsten Bildschirm springen – ein sehr nützliches Feature, denn ihr müsst oft zwischen den verschiedenen Locations wechseln. Zum Glück gibt es eine hilfreiche Minimap. Mit Tabulator werden euch alle Hotspots angezeigt, ein Segen, denn so wird AlternativA nicht zum lästigen Pixelhunt.

Ein sehr wichtiges Werkzeug ist euer PDA, mit dem ihr euch mittels Datenbank über die Spielwelt informieren oder Disks einlesen könnt.

Die Rätsel sind logisch aufgebaut, oft müsst ihr verschiedene Inventar-Gegenstände kombinieren, auch Dialoge sind wichtig, um die Handlung voranzutreiben. An manchen Stellen entscheidet ihr mit Dialogoptionen, ob Richard lebt oder stirbt. Am Anfang wählt ihr die Schwierigkeit aus: Wenn ihr euch für „schwierig“ entscheidet, dann dürft ihr nur zweimal sterben, bei „einfach“ sooft ihr wollt. Überlegt euch das gut, denn man ist oft nicht darauf vorbereitet.

Ein paar Minispiele lockern das Spielgeschehen auf. Dabei gibt es keine zeitlimitierten Ereignisse, für die von euch, die sowas nicht mögen.

Das Spiel ist in Englisch und Tschechisch synchronisiert. Es gibt einen „German Patch“, den man sich von Compiware herunterladen kann. Ich empfehle euch aber: Nicht installieren! Die deutsche Synchronisation ist nicht nur schlechter, sie verändert den Charakter von Richard Roček grundlegend. Seine Stimme klingt plump, seine Reaktionen wirken unpassend, manche Sätze sind falsch übersetzt. Es ist, als hätte jemand einen anderen, viel unsympathischeren Protagonisten eingefügt. Bleibt beim Englischen, oder noch besser Tschechisch, falls ihr der Zungenbrechersprache mächtig sein solltet. Die Originalstimmen sind stimmiger, emotionaler, authentischer.

Ein Spiel, das dich hängen lässt

Und jetzt kommen wir zum Punkt, der AlternativA so viele negative Bewertungen einbringt: Das Ende. Es gibt keines. Das Spiel endet mit einem Cliffhanger. Wie gemein! Ein abrupter, unvollendeter Abschluss, der euch mit dem Gefühl zurücklässt, dass etwas fehlt. Und das tut es auch, denn eine geplante Fortsetzung wurde nie veröffentlicht. Kein Epilog. Nichts. Nur ein „Wir verschwinden jetzt, bevor sie uns erwischen“, und dann Abspann.

Das lässt einem schon sauer aufstoßen. Besonders, weil die Story bis dahin so gut aufgebaut ist: Verschwörungen, Mord, Androiden, Resistance – eine Welt, die durchaus fesselt. Das Ganze erinnert mich sehr an Alter Ego, eines meiner Lieblingsspiele, das auch abrupt und unerwartet endet, ohne die entscheidenden Fragen zu beantworten.

Fazit

AlternativA ist kein Meisterwerk. Es ist kein Gemini Rue. Es ist kein The Moment of Silence. Aber es ist ein Spiel, das seine Atmosphäre liebt, das euch in eine Welt zieht, die ihr nicht vergesst. Die Grafik, die Steuerung, die Rätsel – alles funktioniert. Die Story ist spannend, die Welt ist glaubwürdig, die Charaktere interessant. Nur eben, es hat kein Ende. Es ist wie ein guter Roman, dessen letztes Kapitel fehlt. Es ist wie ein Film, der mitten im Höhepunkt abbricht.

Aber: Wenn ihr dystopische Welten liebt, wenn ihr Point-and-Click-Abenteuer mit Stimmung mögt, dann ist AlternativA trotzdem einen Versuch wert. Es ist ein ehrliches Spiel. Eines, das euch nicht mit Effekten und Action überhäuft, sondern mit Atmosphäre und unheimlicher Stille. Ein Spiel, das euch nicht mit einem Happyend belohnt, aber mit einem Gefühl, das bleibt.

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Über André Savetier

André hat zwei große Passionen: Musik und Adventure-Spiele. Für erstere fehlt leider die Zeit, aber ein Spielchen zwischendurch geht sich immer aus. Ein besonderes Interesse hat unser Österreicher an Adventure-Spielen, die etwas in Vergessenheit geraten sind, oder an solchen, die kaum jemand kennt.

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4 Comments on “Adventure-Schatzkiste: AlternativA (CZ)”

  1. Das liest sich ja fantastisch und trifft voll meinen Nerv! Das mit dem Ende stört mich nur wenig. Lieber so ein Ende als ein solches wie beim ansonsten tollen TMOS. Da hat mir das Ende viel von meiner Fantasie zerstört. Vielen Dank für den Artikel, habe mir das Spiel gestern gleich gekauft.

    1. Vielen Dank, deine Reaktion freut mich sehr! Schau dir doch auch meine anderen Artikel in der Adventure-Schatzkiste an, da findest du sicher den ein oder anderen Schatz 😉

  2. Das liest sich sehr spannend und sieht auch chic aus. Vermutlich geht auch tschechische Sprachausgabe mit deutschen oder englischen Untertiteln?`

    Ich muss aber leider sagen, eine abgebrochene Geschichtenerzählung ist für mich eine red flag. Also so wie bei GoT 😀 Open end finde ich hingegen (wenn gut gemacht) super.

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